Diese Seite nutzt Cookies

 

Klicken Sie auf "Akzeptieren", um diesen Hinweis für die nächsten 7 Tage nicht anzeigen zu lassen.

 

Wie mein Altgroßvater seine Frau fand - eine Liebesgeschichte.

Wir befinden uns im Jahr 1848. Mein Altgroßvater Theodor Schellenberg war nun schon 27 Jahre alt, also in dem besten Alter, um sich nach einer Ehefrau umzusehen. Ein evangelischer Pfarrer ohne Ehefrau war damals nicht denkbar - die Pfarrfrau gehörte einfach mit dazu. Aber Theodor war ja noch ein Vikar, er stand also nicht unter einem solchen Druck wie sein Vater etwa 35 Jahre vorher (-> siehe erster Artikel). Und so konnte sich hier eine ganz eigene Liebesgeschichte entfalten... Doch lassen wir Theodors Tochter erzählen, welche ja aus erster Hand über das Schicksal ihrer Eltern bescheid wusste!

 

Das erste Treffen - Liebe auf den ersten Blick

Meine Mutter (= Ida Engler) war ein frühgereiftes, mit 16 Jahren völlig erwachsenes Mädchen. Doch litt sie mehrere Jahre, zum Teil sehr heftig, an Bleichsucht. Ich glaube, dass ihr zu viel zugemutet wurde an Näharbeit. Gerade als sie sehr wenig wohl war, wurde sie von ihrer Freundin Jenny Rupp in deren elterliches Pfarrhaus in den Denzlingen eingeladen.

 

 

Ansicht von Denzlingen

 

 

Es war Jennys Geburtstag. Sie nahm an, der einzige Gast zu sein. Alle Beteiligten hatten ausgemacht, ihr nicht zu sagen, dass große Gesellschaft sei, weil sie sonst nicht gekommen wäre. Verstimmt, dass sie in ihrer Mattigkeit und Blässe sich vor so vielen Menschen zeigen musste, hielt sie sich im Pfarrhaus etwas abseits und betrachteten sie Silhouetten, die jemand neben dem Fenster aufgemacht hatte. Da deutete eine Hand auf eines der schwarzen Bildchen und eine freundliche Stimme fragte: „Kennen Sie den?“ Es war mein Vater (=Theodor) und es war sein Bild, das sie gerade geschaut hatte.

 

Bild: Scherenschnitt von Theodor Schellenberg 

 

Beide fühlten sich sofort zueinander hingezogen, und die Mutter war von diesem Augenblick an froh, zu dem Feste gekommen zu sein. Als die beiden, viel später, verlobt waren, erzählte ihr Tante Berta Wagner, die jenen Geburtstag mitgemacht hatte, schon damals habe jemand dies vorausgesehen. Die Tochter des Pfarrers, bei dem mein Vater damals Vikar war, sei in einem Kreis junger Mädchen gesprungen, der gerade im Garten sich zusammen gefunden hatte. Außer sich vor vor Vergnügen habe sie gerufen: „Unser Theodor heiratete die Ida Engler!“ Lachen und: „Was fällt dir nur ein?“ „Und ihr werdet erleben, er heiratet die Ida Engler; so hat der noch nie ein Mädchen angesehen.“

 

 

Wie kann ich meine Geliebte treffen?

Von jenem Tag an suchte der Vater Gelegenheit, die Ida Engler zu treffen. Er fühlte sich bei der Großmutter ein mit einem nach einem Ausflug in große Gesellschaft gefundenen Handschuh, ob er vielleicht Fräulein Englers Eigentum sei, gehörte aber einem kleinen Mädchen.

 

Der Vater war in jener Zeit Vikar in Köndringen. Einmal brachte er eine Gesellschaft zusammen. An alle Pfarrer und Pfarrwitwen in der Runde schrieb er, es sei der Wunsch rege geworden, sich einmal gesellig zusammen zu finden, der und der Tag sei als passend die Michelskapelle (auf dem Kaiserstuhl) als der bequemste Ort erachtet worden. Man möge kommen. Vaters List gelang. Alle kamen, auch die, der alles gegolten hatte. Aber die beiden konnten sich fast nur am gegenseitigen Anblick erfreuen: ein dickköpfige Verehrer der Mutter war nicht von ihrer Seite zu entfernen.

 

"Ich komme wieder!"

Später kam ein denkwürdiger Besuch des Vaters im Haus der Großmutter. Er blieb diesmal länger als sonst und meine Mutter leuchtete dem Scheidenden die Treppe hinunter. Da drückte er ihr fest die Hand und sagte: „ich komme wieder“. Nichts sonst. Aber von diesem Augenblick an betrachtete sich Ida in ihrem Herzen als Theodor Braut.

Von da an machte sie keinen Ball oder dergleichen mit, ich weiß nicht, ob aus Treue oder weil‘s ihr nicht passen schien für eine künftige Pfarrfrau. Ein Opfer war‘s gewiss, denn sie tanzte gern und gut und war viel gefeiert. Viel gefeiert ja; man darf sich aber nicht vorstellen, dass sie war, was man schön nennt. Sie war mittelgroß und von schlanker Gestalt (später war sie nicht mehr schlank, sondern gar stark). Die Haare waren weich und dunkelbraun, das Gesicht ganz unregelmäßig und allzu farblos, die dunklen Augen aber voll Leben und Feuer. Anziehen war sie hauptsächlich durch ihren raschen Witz, ihre große Schlagfertigkeit.

 

Ida Schellenberg geb. Engler

 

 

Die Verlobung

Es ging dann noch Jahr und Tag, bis der Vater nahe dran war Pfarrer zu werden und bis es zur Verlobung kam. Als der Vater mit dem Vorsatz nach Freiburg kam, sich zu verloben, fand er die Mutter krank. Sie hatte sich einen Zahn plombieren lassen und wurde samt drei anderen Personen, die der Zahnarzt an jenem Tag behandelte, von einer schweren Infektion betroffen. Aber als sie hörte, dass der Vikar Schellenberg da sein, stand sie auf er nahm keinen Anstoß an ihrem verschwollenen Gesicht und hinterließ sie als glückliche Braut.

 

 

Ein zweiter Heiratsantrag - am Tag der Verlobung

Noch am selben Abend hätte sie beinahe einen 2. Antrag bekommen. Bei Blusts mit denen sie im gleichen Haus lebten war ein Volontär, Sohn eines begüterten Fabrikanten in der Schweiz, der das Detailgeschäft wollte kennen lernen um später die Wünsche des Publikums besser befriedigen zu können. Da die Großmutter und die Mutter mit Blusts befreundet waren, sahen sie dort öfter den angenehmen jungen Schweizer. Er erwies der Mutter, als sie krank war, manche Aufmerksamkeit, die sie lediglich seinem guten Herzen zuschrieb. Höchlich erschrocken war sie, als Frau Blust, der man noch nichts von der eben stattgefundenen Verlobung gesagt hatte, mit der Nachricht herausrückte, Herr Traunetter liebe Fr. Ida, sie solle sondieren, ob er auf Erhörung hoffen dürfe und habe für diesen Fall schon den Werbebrief an die Großmutter bei sich . Es wurde dann beschlossen, dass Fr. Blust den Brief zurückbringe und sage, dass sie eben eine glückliche Braut getroffen und nichts erwähnen davon, dass sie überhaupt von dem Antrag gesprochen hatte.

 

Auch sonst ist die Mutter mehrmals begehrt worden, doch ist es ihr immer gelungen, einer direkten Werbung zu entgehen. Seit sie Theodor kannte, gab es ja keinen anderen für sie.

 

"Dir - nur Dir! immer nur Dein!" Notiz von Ida Engler auf einem Brief an den Geliebten Theodor.

 

Die Schwiegermutter will die Tochter nicht ziehen lassen 

Schließlich wurde aus dem Vikar ein Pfarrer und zwar in Deutschneureuth bei Karlsruhe. So schnell wie das Brautpaar wünschte, kam es aber nicht zur Hochzeit. Der Großmutter war Schellenberg zwar ein erwünschter Schwiegersohn, aber als es Ernst galt, konnte sie sich nicht entschließen, die Tochter herzugeben. Der Onkel Wagner musste eingreifen und ihr auseinandersetzen, dass der junge Pfarrer auch Rechte an Ida habe. Da endlich ergab sie sich.

 

Die Aussteuer

Große Freude hat meiner Mutter stets ihre gediegene Aussteuer gemacht. Möbel und Betten stammten von guten Freiburger Firmen, deren Namen sie mir oft mit Stolz nannte. Die einfachen Möbel waren braun poliert und von Nussbaumholz. Sie wurden unendlich viel gerieben und sind noch heute ohne Tadel. Die Wäsche war von bestem Leinen, sehr gut genäht, größtenteils von der Braut selbst und vollständig ohne irgend eine Verzierung. Hoch angerechnet hat es meine Mutter der Großmutter, dass von dieser die Aussteuer bestritten wurde und nicht aus dem erhaltenen väterlichen Vermögen.

 

Auszug aus einem kleinen Heftchen mit der Aussteuer von Ida 

 

Im Februar 1852 war die Hochzeit. In Deutschneureuth wurde die junge Pfarrfrau mit vielen Geschenken bewillkommt. Ein schönes blaugerändertes Kaffeegeschirr stand auf dem Tisch, Küche und Keller waren reichlich versorgt. Namentlich fanden sich solche Mengen Kartoffeln, dass sie noch ausreichten, zur Bereitung von Stärke für mehrere Jahre. 

___________

Zurück