Zwei Tote nach der Nördlinger Schlacht

 

 

Am 27 August 1634 fand eine blutige Schlacht bei Nördlingen statt, bei der die katholischen Spanier gegen die Schweden und ihren protestantischen Verbündeten kämpften, und Ende des Tages siegten. Mit dieser Schlacht begann das blutigste Kapitel des 30-jährigen Krieges, doch hatte dieser Tag auch ganz konkrete Auswirkungen auf die Bevölkerung, wie man an meinen Vorfahren sehen kann. Gleich zwei meiner Vorfahren waren direkt davon betroffen.

 

 

"Schlacht bei Nördlingen" von dem Zeitgenossen Pieter Meulener 

 

Wilhelm Dietz war damals etwa 12 Jahre alt, und lebte in Geislingen/ Steige. Sein Vater war Verwalter des Ratgasthofes „Zum Schwan“ und hatte ansonsten auch eine gute Stellung als Ratsmitglied in der Gemeinde. Trotzdem waren es damals schlechte Zeiten, denn in der Gegend wurde viel gekämpft. Und an diesem 27. August 1634 waren die Bewohner des kleinen Städtchens besonders besorgt und aufgeregt, denn Nördlingen war nicht so weit entfernt, sie konnten es sogar den Tag über krachen hören! Leider konnten sie ja nicht ahnen, dass die Spanier siegen würden... Sonst hätten sie sich wohl in Sicherheit gebracht. 

 

Denn schon am nächsten Tag brach das Unglück über sie hinein, denn die Spanier waren sofort nach der Schlacht plündernd und brandschatzend losgezogen. Sie waren aufgestachelt von dem Sieg, hatten wahrscheinlich lange Zeit keinen Sold bekommen und hatten vor allem Hunger. So kamen sie auch nach Geislingen und fingen an die Häuser auszuräumen. Als der kleine Wilhelm das Geschrei hörte, flüchtete er schnell in eine Dachluke, von der er aber alles beobachten konnte. Von dort sah er, wie die spanischen Söldner ihrem Haus näher kamen und schlussendlich seinen Vater, welcher ihnen die Tür versperrte, niederschossen. Voller Zorn und Trauer stürzte er sich von der Dachluke auf die Soldaten, und wollte sich an ihm für den Tod des Vaters rächen. Doch der Spanier packte den schwächlichen Knaben, fesselte ihn und warf ihn über sein Pferd, nachdem er ihm mit seiner Pistole unmissverständlich klar gemacht hatte, mit dem Gejammer aufzuhören. So saß er nun als Gefangener auf dem Pferd, und sah wahrscheinlich einer schlechten Zukunft entgegen. Doch so weit sollte es nicht kommen. Als der Soldat kurz wegging, um sich Essen „zu besorgen“, sprang er blitzschnell vom Pferd und rannte davon um sich zu verstecken. Erst als es dunkel wurde, traute er sich wieder herauszukommen und aus der Stadt zu rennen. Bei seiner Flucht kreuzte er noch den Weg von einem, der gerade seinen Vater und andere Leichen auf einem Wagen aus der Stadt karrte. In einer Höhle endlich fand er seine Mutter und seine Geschwister wieder, welche dorthin geflüchtet waren. Die Familie wurde durch den Tod des Vaters in die bitterste Armut gestürzt, aber durch Fleiß und Begabung schaffte es Wilhelm Dietz schließlich, Professor für Griechisch und Latein, und später sogar Rektor an der Universität in Ulm zu werden, und so die Familie noch über den 30. jährigen Krieg hinaus zu erhalten.

=> siehe auch Ahnentafel Dietz

 

Einem weiteren Vorfahren erging es nach der Nördlinger Schlacht wenig besser.Georg Wölffin war zu jener Zeit Pfarrer in der kleinen Gemeinde Owen, und dort hörte man schon bald von den plündernden Meuten. Außerdem war es weithin bekannt, das die Soldateska besonders gerne „neugläubige Pfaffen“ einen Besuch abstatteten, was Georg dazu veranlasste, schnell seine Sachen zu packen und die befestigte Stadt Nürtingen zu flüchten. Doch sollte ihm die Flucht nichts nützen. In dem Owener Totenbuch steht darüber, er sei „daselbst den 7. September 1634 Nachmittags um 3 oder 4 Uhr von zwei gefährlichen Stichen und einem tötlichen Schuß darniedergemacht worden in der Schlosskapelle zu Nürtingen, hernach er den 12. d.m. (des Monats) daselbst ehrlich zur Erde bestattet worden.“

Als die Mörder in der Kapelle eindrangen, hielt er sich noch seine Bibel vor die Brust, welche allerdings die Messerstiche und die Kugel nicht aufhalten konnte. Bis heute wird diese Bibel als die „Nürtinger Blutbibel“ aufbewahrt. Sein Blut bedeckte die Stelle, die er gerade gelesen hatte: „Ich habe einen guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe den Glauben gehalten.“ 

 

 

Bild: Blutiges Blatt der "Nürtinger Blutbibel"

 

 

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Quellen: 

1. "Unsere Vorfahren Dietz" von Liese Kaltenbach und Agnes Trautz, Eigenverlag, 1972

2. Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, "Die Nürtinger Blutbibel von 1634",

 http://www.wlb-stuttgart.de/sammlungen/bibeln/bestand/kostbarkeiten/nuert-blutbibel/