Wir befinden uns im Jahr 1816, als mein 4xurgroßvater Georg Wilhelm Schellenberg nachdenklich im Wohnzimmer der Frau Kirchenrat Arnold in Liedolsheim saß. Er war jetzt 31 Jahre alt und führte schon seit 5 Jahren eine ärmliche Pfarrei in der Gemeinde Rußheim. Gerade hatte er der Frau Kirchenrat sein Leid geklagt, dass er dringend eine tüchtige Hausfrau bräuchte! Und die Pfarrfrau hätte dem feinen, schüchternen Mann nur zu gerne zu einer Frau verholfen.

Sie nannte ihm Töchter braver Familien und veranlasste ihn, sich da und dort umzuschauen. Aber nirgends fand er, wonach sein Herz begehrte.

 

lumenmörderinnen!

Endlich hörte sie von den Töchtern eines Försters erzählen, die ungemein geschickte Blumengärtnerinnen seien. Das wäre vielleicht etwas für den Blumenfreund Schellenberg, meinte sie und riet ihm diese Familie zu besuchen. Aber als Schellenberg wieder zu zu Besuch kam, kam er keineswegs als Bräutigam. Er war wohl aufgenommen worden und die Mädchen schienen aufgeweckt und tüchtig. Aber beim letzten Besuch hatte er ihre große Gärtnerkunst bewundert: „ … und ich sehe bei Ihnen Blumen gedeihen, die in keinem andern Garten zu finden sind, obgleich ich doch bemerkt habe, dass Sie freigebig sind mit Samen und Setzlingen.“ „O“, habe eines der Mädchen geantwortet, „wir wollen doch nicht, dass jeder unsere schönen Blumen haben kann! Wenn eine von uns Samen im Garten abmacht, so packt wir sie ein und röstet sie vorher über einem Licht in einem eisernen Löffel. Und wenn wir Setzlinge hergeben, so durchstechen wir immer das Herz mit einer Nadel.“ Da seien ihm die Schwestern vorgekommen wie Mörderinnen, schloss mein Ur...großvater.

 

ndlich die richtige Braut.

Aber vielleicht war es auch nur eine Ausrede seinerseits, da er bei seinen Besuchen in Liedolsheim schon einen Blick auf eine andere geworfen hatte? Denn als die Frau Kirchenrat antwortete: „Aber eine Frau müssen Sie doch haben, gefällt Ihnen denn gar keine?“ Antwortete er sofort: „Ja, wenn sich Ihre Nane entschließen könnte...“ Und sie konnte. Dabei war Nane (eigentlich Anna Maria) gerade mal 15 ¼ Jahre alt! Trotzdem führte Georg Wilhelm seine junge Ehefrau bereits im November des selben Jahres in den Haushalt ein. Es ist kaum vorstellbar, was so eine junge Frau damals alles leisten musste! Aber trotz allem wurde die Ehe überaus glücklich, und Nane brachte bereits ein Jahr nach der Heirat ihre erste Tochter zur Welt, welcher noch 8 Kinder folgen sollten...

 

Nane(tte) Schellenberg geb. Arnold, Georg Wilhelm Schellenberg und Nanes Mutter, die Frau Kirchenrat Arnold aus Liedolsheim. Zum vergrößern anklicken!

 

 


in Schatz im Keller

Herr Vater, Herr Vater! Schauen Sie einmal, was ich im Keller gefunden habe!“ Verwundert schaute Georg Wilhelm zu seinem kleinen Sohn Theodor herunter, welcher ihm ein vermodertes Säckchen entgegenhielt. Erst beim zweiten Blick fiel ihm auf: der Beutel war voller Krontaler! „Wo hast du denn den her?“ fragte der Vater seinen Sohn streng.„ Ach, wissen Sie, ich war im Keller die Wände abklopfen, und da klang es an einer Stelle hohl, und fand ich diesen Schatz. Können wir ihn behalten?“ Nein, konnten sie nicht. Denn die Besitzerin wurde schnell in einer alten Witwe gefunden, deren Mann vor nicht all zu langer Zeit Pfarrer in der selben Gemeinde gewesen war. In Kriegszeiten hatte er dort unten sein Vermögen eingemauert, aber vor seinem ableben versäumt, seiner Frau das Versteck zu verraten. Umso mehr freute sie sich jetzt, dass es wieder aufgetaucht war.

Auch der kleine Theodor wird bald über den „Verlust“ hinweggekommen sein. Dafür hatte eine viel zu glückliche Kindheit! Doch lassen wir Theodors eigene Tochter Ida Crecelius sprechen:

 

„Vaters Kindheit und seine Schülerjahre“

„Der Vater wurde geboren am 24. Juli 1821 in Russheim. Seine bewusste Kinderzeit verbrachte er in Theningen. Das muss ein herrlicher Kinderaufenthalt gewesen sein. Ein Bach durchfloss den Pfarrgarten, worin die zwei Pfarrersbuben (er und sein Bruder Wilhelm) herumwarteten und Fische, namentlich aber Krebse fingen. Letzteres war eine gute Übung im stoischen Ertragen von Schmerzen, denn man fing die Krebse, indem man ihnen einen Finger hinhielt, an denen sie sich mit den Scheren klammerten. Die Landwirtschaft der Eltern gab Gelegenheit, den Feldbau kennen zu lernen, und durch Knecht und Magd, durch Mäher und Drescher mit dem Landvolk in Berührung zu kommen.

 

 

avid und Goliath kämpfen

Wilhelm und Theodor waren stark, gewandt und mutig. Als sie einmal miteinander gerungen hatten, sagte einer der Drescher, ein grobklotziger, starker Kerl zu dem kleinen stämmigen Theodor: „Mich dätscht aber nit werfe!“ „Probiere! Probiere!“ Schrie alles und vor den Augen der Drescher und der Kameraden wurde der Kampf aufgenommen. Zum unendlichen Vergnügen aller unterlief Theodor den ungeschlachten Goliath und warf ihn auf den Rasen. „Herrschaft, des hätt i nie denkt!“, sagte dieser verwundert.

 

eltsame Sitten an der Lateinschule

Als die Zeit gekommen war, wurden Wilhelm und Theodor in die Lateinschule nach Emmendingen geschickt. Die Schule war gut, trotz mancher Absonderlichkeiten. So ließ der Lateinlehrer die lateinischen Endungen mit einer sehr bitteren Masse backen und Schüler, die mit einer Endung versagten, mussten sie körperlich in sich aufnehmen.

 

Jeden Morgen, ehe die Söhne weggingen, setzte sich der Großvater mit ihnen an den Tisch und schnitt in zwei große Ohrenschüsselchen (wie man solche einfacheren Häusern noch bis in meine Kindheit hatte) Schwarzbrot in Würfel. Dies wurde mit siedender Milch übergossen und eine kurze Weile fest zugedeckt. Nach diesem guten Frühstück zogen die Brüder ab, jeder mit einem Stück Brot und einem Kreuzer. Nur einmal, in einem besonders kalten Winter, wurde ihnen bei einem Metzger eine warme Suppe ausgemacht.

 

 

er Schulweg (6km)

Der Weg nach Emmendingen muss für die Brüder Schellenberg und die zwei oder drei Theninger Buben, die mit ihnen gingen, sehr unterhaltend gewesen sein. Die Altwasser mit ihren Inseln und ihrem Gebüsch waren gar romantisch, den die Elz war damals noch längs nicht "koloniert" worden. Einmal entdeckten die Schüler auf einer der Inseln einen Fuchs, der nicht mehr ans feste Land zu kommen wusste. Prachtvolle Fuchspelzmützen schienen zu winken, man wartete oder schwamm (ich weiß das nimmer genau) auf die Insel und brachte Reinicke wirklich ums Leben. Aber der Fuchs war räudig, mit dem Pelz war‘s nichts. – In der Schule war Theodor ein guter Schüler. Es existieren heute noch Preis Bücher, die davon zeugen.“

 

Eine weitere Anekdote, welche ebenfalls von der außergewöhnlichen Stärke Theodors handelt, erzählt Ida an anderer Stelle:

 

„Zwei Brüder von auswärts bewohnten ein möbliertes Zimmer. Im selben Haus wohnte ein anderer Schüler, ein roher gewalttätiger Mensch, der die jüngeren Brüder quälte und über ihr Hab und Gut nach gefallen verfügte. Sie waren zu schwach im Widerstand zu leisten. Jeder Versuch erregt nur den Hohn ihres Peinigers. Es konnte gar nichts nützen, sich mit mehreren anderen zusammenzutun gegen den Rohling; imponieren konnte ihm nur, wenn ein Einzelner ihn siegreich bestand. Aber wer war dazu im Stande? Schellenberg wohl, aber der hasse Raufereien. Wer weiß? Wenn er recht hin kommt – ich bring ihn heute abend unter irgendeinem Vorwand zu euch, wenn der Kerl wieder da ist. Ihr werdet schon sehen - so geschah es. Theodor kam in die Stube, gerade als die Kameraden wieder drangsaliert wurden. Als er diesen helfen wollte und sich einmischte, wurde er von dem Grobian angefahren, was er wolle? Das gehe nicht an, er solle sich forcieren! Nach kurzer Weile war der gewünschte Zorn da. Ein gewaltiges Ringen begann, bei dem verschiedenes in Trümmer ging und der Ofen umgestürzt wurde. Schließlich flog der Freche zur Tür hinaus, und die Brüder hatten fortan Ruhe.“