Wie meine Vorfahren evangelisch wurden 

Die Reformation unter Philipp ''den Großmütigen'' von Hessen. 

 

Wir befinden uns in den 1520er Jahren, als der Landgraf Philipp von Hessen beschloss, die katholische Religion in seinem Hoheitsgebiet endgültig abzuschaffen. Insbesondere die heilige Messe sollte als „ein falsches und fleischliches Opfer der Oberpriester, der Gesalbten und Geschorenen [Bischöfe, Priester und Mönche]“ verboten werden. In diesem Zusammenhang befahl er 1527 alle Bilder und Statuen und sonstige Bildnisse zu beseitigen, denn „Gott wolle nur im Geiste und in der Wahrheit angebetet sein, und erlaube nicht, ein einziges Bildnis zu machen“. 

 

Dieser Befehl bewirkte vielerorts einen regelrechten Bildersturm, der in Plünderungen der Kirchenschätze ausartete, während die vermeintlich wertlosen Kunstgegenstände verbrannt wurden. Ohnehin wird Philipp von Hessen die evangelische Religion nicht nur als Landeskirche eingeführt haben, weil von dieser wirklich überzeugt war. Mann muss sich vorstellen, dass die Katholische Kirche damals in ganz Deutschland sehr große Besitztümer hatte. Ganze Landstriche waren den weit verbreiteten Klöstern und Stiften zugeordnet und in diesen waren Wissen und Bildung, aber auch unglaubliche Reichtümer gehortet. Der Landesfürst hatte über die Gebiete keine Gewalt, und da bot es sich doch an, diese im Zuge der Reformation zu enteignen und sich so die verschiedenen Schätze anzueignen. Zwar erklärte er noch 1524 seiner katholischen Mutter, welche Sorge über die Klostergüter äußerte, dass er nicht vorhabe den Mönchen und Nonnen das Ihrige zu nehmen, aber bereits zwei Jahre später fand er, dass ein solches Vorgehen nur gemäß sei. Es wurde beschlossen, dass alle Stifte und Klöster aufgehoben, und dessen Kirchengüter „für andere Zwecke“ eingezogen werden sollten. Als ihn deswegen der Herzog Heinrich von Braunschweig herbe Vorwürfe machte, antwortete er nur, kein Kloster sei eingezogen worden „es sei denn mit der Personen Willen“. Jedoch betonte er gleichzeitig offen, dass „wo wir Unwillen bemerkt, Willen gemacht“ haben. Mönche, die sich widersetzten aus dem Kloster auszutreten, wurden zwar noch eine Weile geduldet. Aber es war ihnen verboten Begräbnisse abzuhalten, Messe zu lesen sowie Beichte zu hören und sonstige Sakramente zu spenden. Wer sich auch diesem Befehl nicht nicht unterwarf, wurde vertrieben. Der Landgraf selbst befahl, „entweder Christum zu bekennen, oder auszuwandern“.

 

Jacob Stephany, ein Mönch wird evangelischer Pfarrer

Mein Vorfahre hat sich damals für den angenehmeren Weg entschieden. Jakob Stephany wurde ungefähr 1501 im hessischen Weilnau geboren, und während sein Bruder eine Laufbahn als nassauischer Keller einschlug, wurde er Mönch in der Prämonstratenserabtei Rommersdorf. Diese Abtei betreute auch mehrere Nonnenklöster; Jakob erhielt die Aufsicht über das in Dorlar. Als das Nonnenkloster 1532 aufgelöst wurde, war mein Vorfahre aber schon längst aus dem Orden ausgetreten und verheiratet. Inzwischen war er dabei, in Straßburg und Wittenberg Theologie zu studieren, und vielleicht ist er in dieser Zeit auch einmal seinen Zeitgenossen und ehemaligen Mönchsbruder Luther über den Weg gelaufen? Verheiratet war mein 12xUrgroßvater mit Anna Margaretha Stoll, welche wahrscheinlich aus einer österreichischen Flüchtlingsfamilie stammte. Sie waren wegen ihrem neuen Glauben vertrieben worden, während in Hessen die „Altgläubigen“ ihre Sachen packen mussten.

 

Jakob, nun zum Pfarrer ordiniert, trat 1532 seine Stelle als erster evangelischer Pfarrer in der Gemeinde Reichelsheim an. Dort sollte er die nächsten 52 Jahre seines Amtes walten, bis er am 5. Februar 1584 verstarb. Von ihm existiert heute noch ein Grabepitaph in der Reichelsheimer Kirche, auf dem seine ganze Familie abgebildet ist. Er hatte insgesamt 14 Kinder und hinterließ drei Pfarrerssöhne, die den neuen Glauben weiter verbreiten sollten. Nur standen diese nicht mehr unter der „Befehlsgewalt“ von Päpsten und Bischöfen. Diese Stelle hatten von nun an die Fürsten eingenommen.

 

 

 

 

Lorenz Stephany, der Reformator nach hessischem Vorbild

So sollte sein Sohn Lorenz Stephany als Reformator in die Ottweiler Geschichte eingehen. Dieser hatte ab 1551 acht Jahre in Jena und dann sogar bei Philipp Melanchthon persönlich Theologie studiert, und von diesen wurde er am ersten Tag des Jahres 1560 ordiniert. Bald darauf wurde er Pfarrer in Usingen, Rodt, dann auch in Gleiberg und Krofdorf, bis er 1574 Hessen den Rücken kehrte und den Nassauischen Grafen Albrecht von Nassau-Ottweiler als Feldprediger nach den fernen Niederlanden folgte, um die Soldaten gegen die stockkatholischen Spanier geistig zu rüsten. Allerdings gestaltete sich dies wohl nicht so ruhmreich, denn er kehrte schon ein Jahr später wieder nach Nassau zurück, um in Ottweiler sein Amt als Reformator anzutreten. Inzwischen war nämlich der dortige katholische Landesfürst, Graf Johann IV von Nassau-Saarbrücken, gestorben. Seine Erben Albrecht und Philipp von Weilburg, beide evangelisch, beschlossen, in ihrer neuen Grafschaft ebenfalls den neuen Glauben nach hessischen Vorbild durchzusetzten. Mit dieser Aufgabe wurde Lorenz Stephany betraut, welcher dies zu seiner Lebensaufgabe machte.

 

Seine Ehefrau Sara geb. Scheffer

Bereits um das Jahr 1555 hatte er sich mit der Pfarrerstochter Sara Scheffer verheiratet. Sie stammte aus einer berühmten und nicht weniger interessanten Familie. Ihr Vater war Johannes Scheffer, welcher bereits 1528 der erste evangelische Pfarrer in Usingen gewesen war. Dort ließ er im Kirchturm eine Bibel anschmieden „ ... vff das ein ied, wer lust hat darinnen zu lesen, vorfindt ... “. Der dortige Schmied musste diese Arbeit für „Gotteslohn“ verrichten, durfte aber immerhin 1 Maß Wein auf Kosten der Kirchenkasse trinken! Doch ist dies heute kaum jemanden mehr bekannt. Der heute wohl berühmteste Vorfahre von Sara Scheffer war ihr Urgroßvater Peter Schöffer aus Mainz, welcher zusammen mit Johannes Gutenberg den Buchdruck erfand, und diesen später über die ganze damals bekannte Welt verbreitete.

 

  

Das Haus, welches der Graf Albrecht seinen Hofprediger                  Kirche in Ottweiler (um 1920)

Lorenz Stephani vermachte. Es befand sich bis ins 19. Jht. 

im Besitz seiner Nachkommen. 

 

Die Reformation in Ottweiler und seine Schwierigkeiten
Doch kommen wir zurück zu Lorenz Stephany, welcher sich an die Bekehrung der Katholiken in Ottweiler machte. Auch hier wurden als erstes die Klöster und Kirchengüter eingezogen und der Mönchen und Priestern ''Willen gemacht''. So kam es, dass fast alle Geistlichen der Gegend ihren alten Glauben aufgaben, und als Pfarrer und 

Familienväter ein neues Leben begannen. Auch mein Vorfahre Schellenberger, welcher damals der letzte Priester in dem Ottweiler Nonnenkloster Neumünster gewesen sein soll, folgte dieser Befehlsgewalt und wurde der erste evangelische Diakon in Ottweiler unter Lorenz Stephany. Dieser war inzwischen zum Superintendent ernannt worden und hatte nur noch mit wenigen störrischen Exemplaren von Priestern zu tun. Zuerst enthob er den Priester Lampertus Alringius seines Amtes, als sich dieser weigerte, den gräflichen Befehl nachzukommen und seine Pfarrei Niederlinxweiler aufzugeben. Er wurde vertrieben. Auch Jacob Venn aus der Pfarrei Dirmingen wehrte sich mutig gegen die Protestanten, in dem er die Reformation rundweg einfach ablehnte. Er wurde von Lorenz als „gottloser und ungelehriger Mann, der wegen seines schlechten Lebenswandels und anderer Laster nicht länger geduldet werden könne“ außer Landes verwiesen. Bald darauf ließ er sich in dem von ihm aufgelösten Kloster Ottweiler-Neumünster nieder, in dem er mit Einkünften aus den Klostergefällen, versteigerten Gütern und Naturalien gut Leben konnte. Außerdem brachte jeder Bewohner Ottweilers jährlich 3 Albus zur Besoldung des Seelsorgers auf. Nachdem seine erste Ehefrau Sara bereits 1579 verstorben war, heiratete er ein zweites Mal, und am Ende seines Lebens hatte er ganzen 17 Kinder das Leben geschenkt. Viele seiner Söhne schlugen eine Laufbahn als Pfarrer ein, ihm selber waren als Superintendent insgesamt elf Pfarreien und 14 Filialgemeinden unterstellt, was flächenmäßig eine wirklich beachtliche Ausdehnung darstellt. Er starb 1616 tiefbetrauert in Reichelsheim.

 

Die Bedeutung von Lorenz Stephany als mein Vorfahre

Lorenz Stephany ist in meiner Familie sozusagen eine Art Stammvater geworden. Er hat den Grundstein für eine fast 350 Jährige "Pfarrersdynastie" gelegt. Seine Enkelin Anna Margaretha Stephany verheiratete sich mit Lambertus Schellenberger, welcher ein Sohn des schon erwähnten Priesters Schellenberger gewesen sein soll. Auch er war evangelischer Pfarrer gewesen, und fast alle seine Nachkommen sollten in diesem Beruf bleiben. 1895 starb von meinen Vorfahren der letzte Pfarrer Schellenberg, 1945 die letzte Pfarrfrau aus der Familie.