Warum eigentlich "Ahnenspiegel"?

 

2013 beschloss ich, mir eine Website über die Ahnenforschung zu erstellen. Jedoch drohte das Projekt bereits an der ersten Hürde zu scheitern; der Namensfindung. Meine Eltern sagten mir, ich sollte es doch einfach "Franzi's Ahnenforschung" nennen. Aber das fand ich zu langweilig und noch dazu zu lang. Mir schwirrten tausend Ideen im Kopf herum. Vielleicht "Kirchenmaus.de"? Nee, irreführend. "maiores.de"? Lieber nicht, kein Mensch kann heute noch Latein. Vielleicht doch einfach "franziska-bandur.de"? Aber es sollte ja nicht um mich gehen, sondern um meine Vorfahren! Aber kann man das wirklich voneinander trennen? Und wie ich so Tage mit Grübeln verbracht habe, stolperte ich durch puren Zufall über eine Website, wo jedermann seine literarischen Kunstwerke veröffentlichen kann. Von einem Text wurde ich besonders berührt, und mir war klar, dass ich meine Internetseite danach benennen würde. Und so wurde der Titel des Textes der Titel meiner Website.

 

 

 

 

Ahnenspiegel

von Resa Hebras, 2010

 

Manchmal wacht man morgens auf, und stellt fest, dass irgendetwas anders ist. Man weiß nicht, was genau anders ist, aber man fühlt es. Dieses Gefühl schleicht den ganzen Tag wie ein Raubtier um einen herum, lenkt einen von wichtigen Dingen ab. Dieses Gefühl bleibt manchmal für eine Weile. Tage , oder auch Wochen. Man sucht und sucht, was sich an der Welt verändert haben könnte. Welcher der Freunde anderes geworden ist. Und dann steht man dann irgendwann vor dem Spiegel und merkt es. Man selbst hat sich verändert. Und dann ist man entweder erleichtert oder beängstigt, denn nicht jede Veränderung ist gut. Aber diese "Spiegelmomente" sind wichtig für uns. Wir brauchen  einfach etwas, was uns zeigt wer oder was wir wirklich sind. Wie wir sind. Auch Menschen können solche Spiegel sein, die uns zeigen wer wir sind. Allerdings ist nicht jeder Spiegel klar, es gibt auch trübe Spiegel, Spiegel mit Rissen, Spiegel ,die verzerren. Vor solchen Spiegeln sollte man sich in Acht nehmen. Doch man erkennt sie nicht immer. Und wenn man sie doch erkennt, ist es meistens zu spät.

 

Solche Spiegel finden wir meistens in fremden Zimmern. Wir schauen hinein, und sehen meist das, was wir nicht sehen wollen. Wir achten auf das kleinste Detail, suchen schon fast nach dem hässlichen Fleck, dem Makel. Vielleicht haben wir zu große Ohren, oder einen zu dicken Bauch, Vielleicht ist unser Haar zu kraus, um als „normal schön“ zu gelten. Und vielleicht haben wir eine Hautfarbe, die uns nicht gefällt. Wir hören jeden Tag, der Mensch sei nur ein biologischer Haufen Materie, bestehend aus Wasser, Fett, Calcium, Zellen. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Wir Menschen sind mehr als das. Wir sind Geschichte. Wir sind wandelnde Geschichtsbücher. Die großen Ohren haben einem unserer Vorfahren beim Lauschen auf Gefahr geholfen, so konnte er überleben. Das Fett an unserem Körper sollte schon unsere Vorgänger am Anfang der Zeit vor dem Erfrieren schützen. Unser krauses Haar schmückte schon vor tausenden von Jahren den Kopf einer Person, die sicher stolz auf ihr nicht alltägliches Haar war. Und unsere Hautfarbe wurde uns von unseren Ahnen als Erinnerung mitgegeben. Damit wir nicht vergessen, wer wir sind. Wer wir waren. Und das wir letztendlich der Vorreiter einer ganzen Familie sind, die es geschafft hat, vom Beginn alles Seins bis hin zu diesem Augenblick zu überleben. All die Fähigkeiten, die wir heute haben, verdanken wir ihnen.  

All die Talente , auf die wir heute stolz sind, verdanken wir ihnen. All die Eigenschaften, die uns ausmachen, verdanken wir ihnen. Aber sie wollen unseren Dank nicht. Alles was sie jemals wollten, ist überleben. Und indem wir das fortsetzen, was sie angefangen haben, überleben wir. Und indem wir überleben, schaffen wir einen ewig währenden Kreis.

 

Irgendwann werden auch wir zu Ahnen werden, und unsere Kinder, und all jene, die folgen, werden  irgendwann irgendwo vor einem Spiegel stehen, und sich fragen wer sie sind. Und dann erwachen wir, welche wir bis dahin schon längst vergraben und verabschiedet ruhen, zum Leben. In den Köpfen unserer Nachfahren, in den Schicksalen unserer Kindeskinder, in den Geschichten, die die Erde seit Millionen von Jahren erzählt. 

 

Und dann ist es egal, ob wir die Guten oder die Bösen waren. Denn dann sind wir die, die es geschafft haben. Die, die den verzerrenden Spiegel zerbrochen haben. 
Dann sind wir für immer unsterblich.

 

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Quelle: FanFiktion.de, Das Fanfiktion-Archiv; 

http://www.fanfiktion.de/s/4c5808150001729c0c907918/1/Ahnenspiegel, 22.04.2016