Warum die Franzosen abzogen und wie mein einen Geist fängt. 

„1796, wo in Altenheim das Lazarethfieber herrschte und so viele starben hieß es, auf dem letzten Grab eines Verstorbenen zeige sich jedes mal Nachts 12 Uhr eine weiße Gestalt, als ich es hörte, dachte ich es zu untersuchen.“

 

So schreibt mein 4xUropa Reinhard Schellenberg, welcher zu dieser Zeit Vikar und gleichzeitig Schullehrer in Altenheim war. Allerdings sollte sich die „weiße Gestalt“ in acht nehmen. Denn Reinhard war nicht nur eine Person der Aufklärung und so gegen jeden Aberglauben, sondern er war auch noch überaus kräftig und willensstark. Da konnte so ein Geist schonmal ein paar auf die Mütze bekommen. Dass er auch keine „echten“ Gefahren scheute, hatte er schon wenige Wochen vorher bewiesen. Just in dieser Zeit rückte eine Franzosenarmee über den Rhein. Und nicht nur dass, die Soldateska hatte vor, Altenheim auszuplündern! Doch lassen wir Reinhard selbst erzählen.

 

"In diesem Jahr (1796) setzten die Franzosen bei Kehl über den Rhein (...). Österreicher, Conéische und Schwaben zogen hinauf gen Freiburg und 6000 Franzosen, wilde Ohnehosenmänner, wollten 6 Stunden lang Altenheim plündern, und die auswanderten Franzosen wollten den Ort anstecken. (…) Am Sonntag war vormittags keine Kirche, da kamen die Leute und baten mich am Nachmittag eine Predigt zu halten, um sie in einer solche Lage zu trösten und zu ermuntern. Aus dem Stegreif hielt ich eine Rede, welche mehr Eindruck machte als je eine meiner Predigten. In Schrecken und Angst kamen die Vorgesetzten und fragten, was sie machen sollten (…). Nicht lange besann ich mich und forderte die Vorgesetzten auf, mit mir in den Wald, wo das Hauptquartier war, zu gehen und um Schonung zu bitten. Aber alle Vorgesetzten kehrten wieder zurück, und ich schritt mit dem Müller allein vorwärts, bis auch dieser fort zu seiner Mühle eilte. Wie ich gegen den General kam, legten zwei Grenandiere das Gewehr mit gespannten Hahnen auf mich an, der General fragte, was ich wollte und wer ich sei. Als die Soldaten hörten, ich sei ein Geistlicher, waren in wenigen Augenblicken beinah das ganze Heer um mich versammelt, um mein Gesuch zu hören, wobei der General fragte, ob niemand aus dem Ort geflüchtet sei (denn alle Orte von Kehl bis Offenburg und bis Altenheim waren ganz leer von Menschen). Da ich nein sagte und sprach, wir verließen uns auf die Worte und die Proclamationen der Franzosen, daß sie niemanden etwas tun wollten, der ruhig zu Hause bei seinen Geschäften blieb, da hieß es Marsch, ich voran, auf beiden Seiten Grenandiere mit gespannten Hahnen, wo ihre Feinde oberhalb des Ortes ständen; und wenn sich nur ein Vorposten vom Feind gezeigt hätte, so wäre ich erschossen worden. Auf beiden Seiten der Ortswege waren Mädchen und Weiber mit Essen und Trinken aufgestellt, auf die Frage: Wozu? war die die Antwort, wir wüßten, dass die Soldaten seit 8 Tagen wenig Nahrung hätten, weil die Ortschaften leer wären, dass schmeichelte.

 

Ins Pfarrhaus kam der Generalsstab, 36 Offiziere. In die Bauernhäusern 50-60 Mann, wo es oft drunter und drüber ging. Überall im Ort wurde ich hingerufen um Ruhe zu stiften. Bei meinem Kauderwelsch gelang es mir auch; nur an einem Ort, wo 7 Sansculottes heftig auf ein Haus vorstürmten, trat einer vor und wollte eben das Schwert in meine Brust stoßen, als ein Offizier dessen Arm hielt und sagte: Geistlicher Herr, Sie wagen viel!

 

File:General, Officer d'Legere, Soldat d'Ligne.jpg

 

Bei Tisch fragte der General meinen Vater [der Pfarrer in Altenheim war], was wir wären, Patrioten oder Aristokraten. Keins von beiden!, war die Antwort, wir sind Deutsche. Patrioten und Aristokraten gibt es nur in Frankreich; übrigens müssten wir denen gehorchen, die Gewalt über uns haben, erst unseren Fürsten, dann den Österreichern, dann den Condéischen und jetzt Ihnen. Das gefiel.“

 

So kam es, das Altenheim von einer schlimmeren Katastrophe, nämlich von der Ausplünderung verschont blieb. Und so konnte sich Reinhard den kleineren Problemen im Ort, wie der weißen Geistergestalt auf dem Friedhof zuwenden.

 

Er legte sich also Nachts auf die Lauer. Und wirklich! Um 12 Uhr huschten gleich mehrere Gestalten auf den Friedhof. Die „Geister“ hatten sich lange weiße Hemden mit einem schwarzen Gürtel umgebunden und außerdem ein weißes Tuch um den Kopf geschlungen. Wahrscheinlich hat unser Reinhard bei dessen Anblick den Kopf geschüttelt, dass wegen solcher Maskerade sich die Leute schon seit Tagen nicht mehr in die Nähe des Friedhof wagten. Langsam schlich er sich an sie heran, doch die Geister verschwanden. Oder eher gesagt, sie sprangen über die Friedhofsmauer und entflohen. Die zweite Nacht versuchte er es nochmal, doch schon wieder waren die Gestalten schneller.

Doch in der dritten Nacht hatte er Glück. Zwar wagte sich nur noch ein Gespenst auf den Friedhof, aber immerhin. Unbemerkt konnte sich Reinhard der Person nahen und beobachten, was diese so trieb. Die Gestalt huschte zu dem erst am Vortag geschlossene neue Grab und legte der Länge nach weiße Bänder kreuzweise darüber. Reinhard war inzwischen nahe genug herangekommen, dass er alles genau beobachten konnte. Der „Geist“ erhob sich dreimal und sank dreimal nieder und sagte dann dann der Dreieinigkeit Namen. Da platzte dem Vikar der Kragen: „Was soll Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist?“ donnerte er los, sodass die Betroffene bestimmt selber dachte, ein Gespenst würde über sie kommen. Die kleine Frau sagte kleinlaut: „In dem heiligen Namen soll ich Erde von einem frischen Grab holen, damit mein Mann wieder gesund wird!“ Ärgerlich über so viel Aberglauben sagte er, sie solle, falls Erde ihrem Mann helfe könne, gefälligst in ihren Garten gehen. Wenn dies aber nichts helfen würde, dann wiürde der Mann auch mit keinem Zauber gesund. Bevor er sie nach Hause schickte, wollte er noch wissen, wer ihr diesen Schwachsinn erzählt habe? Da wusste sie sofort eine Antwort: „Die Kapuziner in Offenburg!“ Aber Reinhard konnte sich schon denken, was das für „Kapuziner“ gewesen sind. Er machte die Geschichte in der Schule bekannt und verkündete, wer wieder so einen Mist erzählt, den werde er den Hintern mit Schrot pfeffern!“ Und tatsächlich hörte die Spukerei auf dem Friedhof auf.

 

 

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Quelle Bild [28.4.14]

  1. "Altenheimer Pfarrhaus" (Lithografie von Frieda Arnold): Digitalsat des "Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Generallandesarchiv Karlsruhe" Link: https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/YSLH7UGPFUB6LFFGKSOWZYQ4YZEGJLFI
  2. "Linientruppen um 1795" Wikipedia "Erster Koalitionskrieg" Link: http://de.wikipedia.org/wiki/Erster_Koalitionskrieg