1870 in Tübingen. Der alte Theodor sitzt mit seinen Freunden am Tisch und unterhält sich, aber irgendwie fühlt er sich beobachtet. Und er hatte recht: schon die ganze Zeit musterte ihn ein kleiner, dicklicher Herr am Nachbartisch. Was er wohl wollte? Ihm blieb keine Zeit das zu überlegen. Denn plötzlich springt der kleine Herr auf, stürzt auf meinen Urururopa zu, umarmt ihn und ruft: „Schellenberg, ja bisch‘s denn? Bisch‘s denn wirklich?“. Theodor brauchte eine ganze Weile, bis ihm dämmerte wer dieser fremde Herr war. Und dabei hat er ihm einmal das Leben gerettet! Aber das war schon so lange her...

 

Damals waren die beiden junge Studenten in Tübingen gewesen. Doch während Theodor fleißig für das Examen lernte, dachte der Schwabe gar nicht daran, sein Leben mit dem Studium zu verplempern. Als dann aber die Prüfung näher rückte, wurde es ihm doch bang. Aber es war zu spät, er war für ernste Arbeit unfähig geworden. Doch seine Eltern wollten unbedingt, das ihr Sohn Theologe werde, und drängten ihn zu einen baldigen Examen! Da er dieses endgültig verpasst hatte, wurde der Ex-Student melancholisch und bekam dazu eine höllische Angst vor seinen Eltern. Da beschlossen die Kameraden, einer müsse mit ihm nach Hause gehen und bei dem Vater Fürsprecher sein. Dazu wurde Theodor auserwählt und beide machten sich mit einem Fuhrwerk auf den Weg nach Schwaben. Doch der Freund wurde immer niedergeschlagener, je näher man der Heimat kam. Als sie in einem Waldgasthof rast machten, sagte er, er wolle ein wenig im Wald spazieren gehen. Nach einer Weile wurde es meinen Altgroßvater plötzlich bang, er ging im nach und fand den Unglücklichen – mit der Pistole in der Hand. Voller schrecken nahm er ihm diese weg und brachte ihn sicher in seine Heimat, wo sich alles zum besten wendete.

 

Bild rechts oben: Theodor Schellenberg als Burschenschaftler

 

Und jetzt hatten sich die beiden das erste mal wieder getroffen! Er war schlussendlich Schultheiß geworden. Freudestrahlend führt er seine Söhne vor: „Jetzt komm nur – siehsch, das sind meine Buwe, die waren alle Theologe.“

 


Ja wirklich, das waren Zeiten damals... Gerne erzählte Theodor von seinen Erlebnissen. Am liebsten war ihm ja die Studienzeit in Halle gewesen, dort wo schon seine vielen Pfarrervorfahren studiert hatten. Er wohnte anfangs in einer gemütlichen Wohnung mit ein paar Kameraden. Das einzige, was ihm überhaupt nicht passte war das Essen. Diese Löffel voll klaren Fettes, das über jedes Gemüse gegossen wurde, widerstand ihm, er gab dieses Fett gern an norddeutsche Tischnachbarn ab. Heimatlich essen konnte er nur bei der Frau Tholuk, einer badische Adilge.

 

 

Sie war die Ehefrau des berühmten Professor Tholuk, der an der Uni Lehrer war. Die Schüler umgaben sich gerne mit diesem Charakter. Auf seinem zweistündigen täglichen Spaziergang in einer Allee pflegte Tholuck stets zwei Studenten neben sich zu haben. Theodor war manchmal dabei. Es gab da körperliche und geistige Bewegung. Tholuck fragte, lehrte, dozierte und lief dabei in einem solchen Tempo, dass man jene Allee „die Rennbahn“ nannte.

 

Bild: August Tholuk

 

Doch war Theodor und seinen Kameraden diese „Rennbahn“ nicht genug. Sie entdeckten diese neue Betätigung namens „Turnen“. Sie mieteten sich einen Schuppen, um dort diese Neuartigkeit auszuprobieren. Doch prompt wurde ihnen turnen als „Staatsgefährlich“ untersagt! Doch so sehr bedauert haben sie das Verbot wohl nicht, schließlich gab es damals mehr als genug körperliche Betätigungen. Man lernte bei den „Halloren“ vortrefflich Reiten, Schwimmen und Fechten. „Muss man als Pfarrer eigentlich Fechten können?“ wurde Theodor später von seiner Tochter gefragt. Sie waren gerade zusammen in einem dunklen Wald unterwegs. Und die Antwort: „Oh ja! Wenn zwei Kerle von gleicher Stärke wie ich, die aber nicht fechten können, mich angreifen würden, so könnte ich wohl fertig werden mithilfe dieses Stockes.“ Und er zeigte seiner kleinen Tochter ein paar Stock-Fechtübungen, denn er war damals ein vortrefflicher Fechter.

 

File:Tübinger Mensur 1831.jpg

Tübinger Mensur um 1831

 

Anders verhielt es sich mit dem Singen, welches eigentlich auch auf den Stundenplan stand. Doch kann man bei meinem Vorfahren schon nicht mehr nur davon sprechen, dass er kein guter Sänger war. Er war schlechtweg unmusikalisch, und zum Singen völlig untauglich. Seine Tochter schreibt später, dass sie sicherlich das unmusikalischste Pfarrhaus ganz Badens waren. Trotzdem zog Theodor in seiner Studienzeit mit Freunden bis fast nach Prag (sie hatten sich ohne Pässe über die Grenze geschmuggelt), wobei sie sich nur von ihrem kleinen Chor ernährten. Er allerdings tat immer nur so, als würde er mitsingen. So kamen sie auch einmal ins Land meiner väterlichen Vorfahren, nach Thüringen. Die jungen Leute gingen in eine Schenke, wo sie ein Glas Bier verlangten „Eeens?“, fragte der Wirt. „Nein, natürlich für jeden eines“. Da wurden mehrere ungeheure Gefäße auf den Tisch gebracht, die man dazulande „Glas“ nannte.

 

Doch schon war das freie Leben vorbei, das Examen stand an. Den Tag vor der Prüfung hatte Theodor frei, und zusammen mit seinem Freund Sachs überlegte er sich, was sie noch sinnvolles für den großes Tag machen könnten. „Wir nehmen eine Ode von Horaz durch!“ Gesagt, getan. Die Ode fesselte sie, sie lasen den Kommentar, sie suchten Parallelen, die Stunden vergingen in wohltuender Arbeit. Am andern Morgen kamen beide gleichzeitig ans Examen in Latein. Und siehe, die Ode vom vorigen Abend kam daran. Zuerst war Sachs an der Reihe. Seine Übersetzung war glänzend, der Examinator stellte ihm einige Fragen; die Antworten konnten nur gut sein, man wollte mit der Ode abschließen. Da erhob sich der Freund Theodor: „Er sei doch in Einigem anderer Ansicht als sein Kommilitone und erlaube sich, seine Bedenken vorzubringen!“ Es kam zu einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung zwischen den beiden und „starr vor so viel Gelehrsamkeit“ enthielten sich die Herren weitere Fragen...

 

Seine Examenspredigt hielt er später in der "kleinen Kirche" Karlsruhe zusammen mit noch drei anderen jungen Theologen. Und nicht nur, dass die Schellenbergs schon immer eine kräftige Stimme hatten (bis heute übrigens), nein, an diesem Tag riefen gleich drei wortgewaltige Prediger ihre Worte hinaus. „Das sind ja lauter Demosthene“, lachte der Präsident. „Chrisostomusse wollen sie wohl sagen!“ versetzte der Prälat Schellenberg. Jetzt waren die Prüfungen bestanden, und das Leben meines Urururgroßvaters als junger Pfarrer hatte begonnen.  

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Quellen Bilder: Beide (Tholuk, Tübinger Mensur) aus Wikipedia.