Anton Otto Schellenberg (1773-1857), der Visionär

 

Aller Zank, jedes nicht artige Wesen höre von nun an, in dem Augenblick zwischen den Aufstehen und Niederlegen, auf. Wir umarmen uns als Geschwister vor dem Antlitze unserer Eltern – vor Gott und der Natur. An ihrem Busen geben wir das heilige Versprechen, stammeln weinend die Worte: „Lieber Vater! - Gute Mutter! - Seyd gütig! Nur noch einmal gütig! - Verzeihung! - Verzeihung für alles Vergangene! - Wir sind Versöhnt! - auf unendliche Zeit! - Von nun an wollen wir, in dem kleinen runde Kreise dieser Welt, frohe ewige Spiele beginnen!“

 

Wenn man diese Worte von dem Pfarrer Anton Otto Schellenberg (1773-1857) liest, kann man gar nicht glauben, dass sie von einem überzeugten Aufklärer stammen. Eher klingt das nach einem heillosen Romantiker. Das ist damals auch seiner Familie aufgefallen, die Aufklärerischer gar nicht sein konnte. Besonders sein Onkel war befremdet über seinen Neffen, aber er hatte auch eine Erklärung dafür. All diese Verwirrungen wären bei ihm nicht passiert, wenn er nicht im „Ausland“ studiert hätte! Anton Ottos Mutter hatte sich nämlich geweigert, ihren Sohn auf eine Schule im Nassauischen zu schicken. Stattdessen sollte er in ihrer Heimat, dem Darmstädtischen studieren. Dies sei der „Hauptgrund zu der Verbildung und zu den überspannten Ideen dieses sonst fähigen und gutmüthigen Jünglings.“

 

Sein Onkel Jakob Ludwig Schellenberg

 

Allerdings waren mit den „überspannten Ideen“ keineswegs seine Verbrüderungsverse von oben gemeint. Nein, was der Familie weit mehr Sorgen machte war, dass Anton Otto sich nicht seinen Pflichten als Pfarrer widmete, sondern stattdessen den Fürsten ständig Briefe schrieb, in denen er um eine Spende für seine „Erfindungen“ bat. Fassungslos schreibt Anton Ottos Onkel darüber: „So will er z.B. In seinen sogenannten Ideen alle Völker Europa's zu einer Nation oder einer Gesellschaft vereinigen, Luftballone gegen den Wind regieren, unter dem Wasser gehen, sehen und arbeiten lehren, die Schiffe im Sturm und in Seeschlachten vor dem Untergang bewahren, Weltkanäle zur Vereinigung der bekannten Weltteile anlegen, und ein einziges geringes Mittel angeben, wodurch ein jeder Mensch zeitlebens die höchste Wonne genießen könne, wenn ihm nur von 50 000 Jeder ein Sechsbätzner zusichern, oder mächtige Könige und Völker seine übrigen Erfindungen mit einigen Millionen meistens zu verwenden verspricht.“ Auch sein Bruder weiß kopfschüttelnd zu erzählen: „er wolle versunkene Schätze vom Erdboden heben und den Panama- und Suezkanal bauen.“

 

 

Die erste "Montgolfiére" 1783                                     Bau am Panamakanal 1908

 

Wenn ich heute von diesen „irrsinnigen“ und „überspannten Ideen“ lese, stelle ich mir vor, wie es Anton Otto wohl gefunden hätte, zu wissen, dass all diese „Ideen“ einmal Wirklichkeit werden würden. Er war seiner Zeit voraus. Ein wahrer Visionär war mein Urur...großonkel! Allerdings half ihm das damals nicht viel. Denn seine Zeitgenossen waren noch nicht bereit dafür, sich zu „umarmen […] als Geschwister vor dem Antlitze unserer Eltern“. Stattdessen machte er sich immer mehr Feinde. Einmal kam es sogar so weit, dass von diesen in der Zeitung verbreitet wurde, er sei verstorben! Was er sofort mit einem Zeitungsartikel zu widerlegen versuchte. Mit 60 Jahren ging er in den Ruhestand (normalerweise blieben Pfarrer ihr Leben lang im Amt, wenn die Gesundheit mitspielte), weil ein Vikar in für vollkommen untauglich erklärt hatte. Er starb mit 84 Jahren vereinsamt und nach einer schweren Krankheit, kinderlos. Seine Schriften wurden teilweise von den Anverwandten als „Schwachsinn“ dem Feuer übergeben.

 

Doch ich will unserem Visionär, welcher vor 200 Jahren von der heutigen Technik geträumt hat, hier Denkmal setzen.  

 

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Quelle Bilder: 

  1. Stich "Die erste Montgolfière (1783)", aus Wikipedia. Link: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Montgolfiere_1783.jpg
  2. Fotografie "Bau am Panamakanal (1908)", aus Wikipedia. Link: http://de.wikipedia.org/wiki/Panamakanal