Wilhelm Engler d.Jü. (1819-1870?)

Ein "Ausbrecher"

 

 

Seine Schwester erwähnte ihn nur mit Schrecken. Seine Mutter sprach niemals von ihm. Erst seine Nichte konnte mit einigem zeitlichem Abstand in ihren Erinnerungen über ihn bemerken: „Er war ein hochbegabter, eigenartiger Mensch, der nicht in den gewöhnlichen Bahnen zu halten war.“ 

 

Seine Lebensgeschichte ist in seiner Familie einzigartig, weil er es schaffte, hundertjähriger Pfarrerstradition zu entfliehen und seine eigenen Wege einzuschlagen - sehr zum Leidwesen seiner Anverwandten.

 

Geboren wurde er am 14.7.1819 als Sohn des Pfarrers Wilhelm Engler d.Ä. und der Luise geb. Dietz, welche ebenfalls aus einer „Pfarrersdynastie“ stammte.

(-> siehe auch Ahnentafel Dietz)

 

Gymnasium und Fremdenlegion

 

In seinen jungen Jahren besuchte er das renommierte Gymnasium in Freiburg, in der er mit den bekannten Maler Anselm Feuerbach befreundet gewesen sein soll. Diesen habe er einmal dazu bewogen, einen Packt mit den Teufel einzugehen. Doch sei es nicht dazu gekommen, denn als der Schnitt in den Daumen getan war, bekam der Kleine es mit der Angst zu tun und lief weinend weg.

 

In seiner Klasse wurde Wilhelm von allen Schülern geachtet, gefürchtet und vergöttert. Mit seiner körperlichen Stärke, Phantasie und Ausstrahlungskraft gelang es ihm, alle in seinen Bann zu ziehen. An sich war er aber ein braver Kerl, der es nicht ausstehen konnte, wenn schwächere Mitschüler drangsaliert wurden. Aber gerade dieser lobenswerte Charakterzug wurde ihm zum Verhängnis, denn in Wilhelms Klasse gab es damals einen Lehrer, der seine Schüler bei jeder Gelegenheit verbal in den Boden stampfte. So quälte er eines Tages einen braven und schwächlichen Schüler mit Spottreden, sodass alle vor Entrüstung bebten. Da platzte Wilhelm der Kragen. Er sprang auf, gab dem Lehrer eine kräftige Ohrfeige, und rannte dann erschrocken weg. Um in die Schule zurückzukehren, war er zu stolz. Er sagte seiner Wirtin, er müsse sofort abreisen, ließ sich von ihr etwas Geld geben und floh über den Rhein. Von Straßburg aus erhielten die verdutzten Eltern Nachricht, Wilhelm ginge zur Fremdenlegion.

Der Vater machte sich sofort auf die Suche nach seinen Sohn und fand ihn schließlich in Nancy, wo es ihm gelang, Wilhelm freizukaufen.

 

Lehrlings-, und Revolutionsjahre

 

Von da an wollte oder konnte dieser nicht mehr in eine Schule und wurde nach eigenen Wunsch in eine Uhrmacherlehre gebracht. Seine Meistersleute wohnten in der Schützenallee in Freiburg. Hier, wie auch sonst immer, gewann Wilhelm alle Herzen. Sein Geschick sei hervorragend gewesen und seine Eltern begannen aufzuatmen. Ihr Sohn, so waren sie sich sicher, würde doch noch etwas aus sich machen. Doch da kam ihnen die Revolution in die Quere. Wilhelm war nämlich als Geselle in Frankreich, Böhmen und der Schweiz unterwegs gewesen, und hat sich dort sofort für die neuen Ideale begeistern können. In dieser Zeit war er befreundet mit verschiedenen Führern der Revolution und wurde schließlich selber Offzier der Freischaren in Freiburg. Doch kam er nicht ins Gefecht, da er krank wurde. Auch das Verhältnis zu seiner Familie wurde zunehmend schlechter, und so wohnte er in einem Gasthaus in der eigenen Nachbarschaft. Seine Schwester mußte ihn täglich besuchen, aber die Mutter ließ sich nie bei ihm sehen. Es war aber auch eine schwere Zeit, gerade war der Familienvater verstorben und Luise hatte noch 3 unerwachsene Kinder zu versorgen. Als die Preußen kamen, gelang es ihm, in die Schweiz zu entkommen. Vielleicht ist er dort meinen Vorfahren Oskar Schellenberg über den Weg gelaufen, der aus dem selben Grund seine Heimat überstürzt verlassen hatte. Aber das ist eine andere Geschichte. Im Hause seiner Mutter wurde alles beiseite geschafft, was an seine revolutionären Bestrebungen erinnern konnte. Nur eines davon war geblieben: die Schachtel, worin seine Epauletten waren. Die Epauletten selbst hat seine Schwester unter einem Hohlziegel des Daches versteckt. In der Schachtel lag noch Jahrzehnte später der Christbaumschmuck.

 

Flucht, rätselhaftes Verschwinden und ein "Lenkbares Luftfahrzeug"

 

Seine Eltern: 

 

 

So ließ sich Wilhelm in Genf nieder und hatte mit seiner Familie nur noch geschäftlichen Verkehr. Erst kurz vor dem 70er Krieg erwachte doch die Sehnsucht nach dem Vaterland wieder in ihm. Er wandte sich an seinen Schwager Pfarrer Schellenberg, meinen Urururgroßvater Theodor Schellenberg mit der Bitte, ihm Amnestie zu erwirken. Diese wurde ihm ohne besonderen Schwierigkeiten gewährt, aber er erfuhr nichts mehr davon. Er war spurlos verschwunden! Vermutlich ist er bei einer einsamen Bergfahrt verunglückt. Unter den deutschen Flüchtlingen in Genf hinterließ er Freunde und Bewunderer. Ein Professor Vogt schrieb meinen Vorfahren Schellenberg, Engler habe Entwürfe von hoher Bedeutung hinterlassen, namentlich auch den Plan zu einem lenkbaren Luftfahrzeug. „Ob die Familie diese wertvollen Anfänge nicht weiterführen und ausbeuten lassen wolle?“ Man schrieb zurück, die Familie verzichte auf jeden Nachlaß, Vogt möge darüber nach seinem Ermessen im Interesse deutscher Flüchtlinge verfügen.

 

„Nichts bei uns erinnert an den Verschollenen, als die Schachtel mit Christbaumschmuck, ein kühler Brief an seine Mutter und eine Unterschrift unter einem Dokument.“