Robert Kratzsch (1843-1908) - Ein Altenburger Original

 

 

> Ein fröhliches Herz, Freude am Leben und Lachen machen, schlagfertiger Mutterwitz, aber auch die Fähigkeit "sich selbst zum besten zu haben", dass ist wohl das größte Glück was einem Menschen in die Wiege gelegt werden kann. Unserem weit bekannten, ja, man kann fast sagen, berühmten Robert Kratzsch war dieses Glück in reichen Maße beschieden.<

 

So beginnt ein vierseitiger Zeitungsaufsatz über meinen Urururgroßvater Robert "Schrei"Kratzsch aus dem Jahr 1942. Tatsächlich war er damals um die Jahrhundertwende eine Berühmtheit im Altenburger Land. Seine Schalkereien und Späße nahmen nach seinem Tod fast legendenhafte Züge an, weshalb man bei all den Geschichten um den schlagfertigen Bauern oft nicht mehr wusste, ob sich diese auch wirklich so zugetragen haben. Heute ist er freilich wieder (fast) vergessen, und auch meiner Familie ist kaum mehr als ein Zeitungsartikel von ihm geblieben. 

 

Geboren wurde er als Gastwirtssohn am 21. Sept 1843 in Neuenmöritz. Nach seinen Schulzeit studiert er in Chemnitz Landwirtschaftskunde. 

Er arbeitete als fleißiger Landwirt, aber man fand in oft und gern in allen möglichen Gaststätten, wo er die Laune beträchtlich hob. Außerdem war er ein begeisterter Skatspieler und nahm auch an mehreren Wettbewerben teil. Überall wurde er nur der „Schreikratzsch“ gerufen, da er eine so überlaute Stimme hatte, dass er vom Stubenfenster aus seinen Arbeitern auf der entfernten Wiese Anweisungen zurufen konnte. Sie war sogar so laut, dass er über die ganze Länge des Marktes hinweg seine Stimme von der Brüderkirche bis zu dem auf der anderen Seite liegenden „Hotel de Saxe“ gehört wurde. Diese Eigenart hat er seiner schwerhörigen Mutter zu verdanken, wegen welcher er sich das laute Sprechen angewöhnt hatte.heiratete er eine junge Bauerntochter, Ernestine Schellenberg, mit welcher er ganze 17 Kinder zeugen sollte. Allerdings starben von diesen 7 bereits im Kindesalter, und von den Übrigen zog es mehrere in die Stadt oder nach dem fernen Amerika.

 

 

 

 

 

Dieses Gemälde war ein Geschenk für die Prinzessin Marie bei ihrer Vermählung mit Albrecht von Preußen. Der Maler Adolf Berger hat auf diesem Bild von 1873 damals wirklich lebende Personen aus dem Altenburger Land gemalt. Und zwar so gut, dass man die einzelnen Personen wieder erkennen konnte. Auch Robert Kratzsch wurde verewigt. Er steht als Brautbitter ganz links unter dem Torbogen.

 

Er stammte aus dem Altenburger Land, welches unter anderem für seine eigentümliche Tracht bekannt ist. Es ist ein wunderschönes Fleckchen Erde, und die Bauern dort waren über die Jahrhunderte ungewöhnlich reich und wohlhabend, was die großen Vierseithöfe in der Gegend beweisen. Robert starb am 14. Sept 1908 in Gödern. 

 

 

 

 

Links: Robert Kratzsch in der Altenburger Bauerntracht

Rechts: Sechs der zehn Kinder von Robert: Magdalena (*1882), Horst (*1883), Kurt (*1884), Hans (*1885), Max (*1887) und Frieda (*1889).

 

 

Anekdoten aus dem Leben des Robert Kratzsch – im Altenburger Dialekt

 

 

1. Dar orme Monn!

In ener fein Gesellschoft soß Krotzsch, wu grode sein varzendes Kend ongekumm wor, nahm ener ganz fein Froo.

E woh schunn e wingchen verschnuppt, weiln de Leite immer freeten, wie veel e Kenger hette, do muß des Unglückswarmchen och noch mit dar Frage onfange:

Harr Krotzsch, wie veel Kenger hunn Sie eejentlich?“

Varzen.“ seete dor korz.

Varzen Kenger! Och, wie dauert mich de orme Froo!“

Worim orm, ich dachte, varzen weer reich genunk! Wie veel hunn Sie denn?“

Eens, en Jung.“

Do dauert mich abber dar orme Mann!“

Die beeden hunn dan Ohmd nich mieh veel minanner geredt.

 

2. Ze zeitj

All Krotzsch simm Monate verheirot wor, mallte ben Pforre Hesselborth sei ierschtes kend on. Der Pforre wor noch nich longe ufgestann un soß grode be sei Morjekoffee. E gukte Krotzsche schorf on un seete:

Simm Monate, dos is abber e bißchen zeitj, Harr Krotzsch!“

Nu Harr Pforre, wenns far sie ze zeitj is, do konn ich ju nochmittje wiederkumme!“ meente Krotzsch un ging dervun. Dos hottn de alle Hesselborth lange nochgetreen, mit`n jong is e abber immer gut Freind gewast.

 

3. De stibieze Worscht

Schunn all Schuljunge gobb Robert n` Leuten moncherlee ze lachen. Emol hott' er derheeme ene Worscht stibiezt. Ab e nu [Aber da er nun] sein Schulmeester ins Harze geschlussen hotte un dan ene Freede moche wol, abber [oder] ab

e de Fuljen [Folgen] vun en Jungenstreeche vun sich oblenke wol, abber was wos e fist far Grinde hotte, e brochte de Worscht var der Schule zen Schulmeester mit e schinn Gruße vun der Mutter. Dar freite sich notierlich ibber dos schiene Geschenke un ging gejenohms ze Mutter Gusten un be dar. Do kom notierlich der ganze Schwindel raus, un's gobb e ordentliche Strofpreddjt. Der Kanter behiel notierlich seine Worscht, un se ward'n sicher o gut geschmockt hobe.

 

4. "Von Giddern, Sachse!" (Für alle hartgesottenen Dialektversteher)

Auf einem seiner "Geschäftsreisen" saß einmal Robert mit Bekannten in einem vornehmen Berliner Lokal zusammen. Neben ihm war noch ein Stuhl frei, und auf den setzte sich einer, dem man den vornehmen Mann schon von weitem ansah. Beim Hinsetzten stellte er sich kurz vor: "Von Saldern, Westphale". Darauf Kratzsch nicht faul: "Von Giddern (=Gödern), Sachse!" - Da staunte der Ankömmling und fragte, was das für ein Adel sei? Im Gothaischen Hofkalender habe er ihn noch nicht gefunden. "Härre" sagte Kratzsch "itze worde mrsch duch e wengk heeß onger dr Weste. Ich hotte zwor mein'n guten blauen Sundogsanzug an ooch en nauen Papierkrogen vun Mey un Edelchen im. Abber wie en Baron sochj ammene duch nicht aus. Drum sehtj vern, 'shette mr an'n annern Dische eener gewinkt, da mechtje ich emol säh, wos där vun mr wulle, ich kemm gleich widder här. Abber an geen Disch binj den gonzen Ohmd nich widder gekumm. 's war mr duch ze gefährlich."

 

 

5. Stammgäste

Da war er einmal in Altenburg, und weil er so gerne ein Bierchen trank, ging er in eine Schankstube wo es guten Kulmbacher gab. Er hatte zwei seiner Söhne dabei, die in der Stadt in der Kaufmannslehre waren und die Handelsschule besuch

ten. Er dachte, dass für die beiden die von der Stadtluft schon ein wenig gebleicht waren und die nicht viel zugesetzt hatten, seit sie von Mutters guter Küche weg waren, ein nahrhaftes Bierchen mal nicht schlecht wäre. Nun hatte aber der Wirt eine Kellnerin angeschafft und Kratzsch machte erstaunte Augen als die Frau fragte, was sie den bringen soll. Kratzsch bestellte ein Bier. Sie dachte aber, er hätte nur für sich bestellt und fragte die beiden jungen Leute:

 

Na, un wos soll ich eich Briedern brenge?“

Wos?“ Fragte Kratzsch „kenn Sie denn die beeden?“

Nu, wennj die net kenne sal, dos sinn doch meine Stommgeste!“

 

Da trank Kratzsch still sein Bier aus, bezahlte und ging mit seinen beiden Jungen auf seine Bude. Was das für ein „Hogelwatter“ gegeben hat, kann man sich ausmalen, aber beschreiben kann man es nicht.  

 

Bild: Ganz Rechts steht meine Uroma Martha Staudte, eine Enkelin von Robert Kratzsch. (1917 in Altenburg)