Mein Urgroßvater Helmuth Schellenberg (1890-1945) hinterließ seinen Nachkommen eine 70-Seitigen Schreibmaschinentext über seine Erlebnisse im ersten Weltkrieg. Dieses Werk entstand wahrscheinlich auf Grundlage eines Tagebuches. Als ich den Text das erste Mal in die Hände kam, war ich enttäuscht. Ein scheinbar sachlicher Text über diverse Truppenbewegungen. Doch als ich dann anfing mich einzulesen, kam viel Überraschendes, oft Erschreckendes zum Vorschein. Dieser Text zeigt deutlich, wie die Menschen zur Zeit meines Urgroßvaters gedacht haben, und wie sich unser Denken nach zwei solcher Urkatastrophen verändert hat. Hier will ich also seinen Text stark gekürzt und teilweise ein wenig umformuliert wiedergeben. Mein Uropa, welcher sich vom Einjährig-Freiwilligen bis zum Leutnant hocharbeitete, war den ganzen Krieg über an der Westfront stationiert.

 

 

Helmuth Schellenberg (1890-1945)

 

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1914

- Auf in den Krieg! -

 

Abmarsch von Freiburg mit Blumen und Obst.

Am Donnerstag den 6. August marschierten wir endlich von Freiburg ab, wo ich seit dem 1. April 1914 Einjährig Freiwilliler bei der 6. Kompanie Inf. Regiment 113 war. Als wir am Siegerdenkmal auf das III. Battalion warteten, sammelten sich trotz der frühen Stunde (5-6 Uhr) bald eine ziemliche Menschenmenge, wir bekamen viele Blumen und Obst, doch setzte gleich hier der Kampf gegen zu viel Obstessen ein. Mit Gesang (Wacht am Rhein, Oh Deutschland hoch in Ehren, so leb' den Wohl) gings über die Kaiserstraße und die Baslerstraße hinaus. Man zog doch so etwas mit dem Gefühl als Vaterlandsverteidiger überall durch die Dörfer, wenn einem die Bewohner so aufmerksam anschauten. Später stellte sich bei mir heraus, dass meine Stiefel am Absatz zu weit waren, sie brannten stark, glücklicherweise ohne dauernde Folgen. Nachdem wir längere Zeit in den Dörfern an der Grenze aufgehalten hatten, hieß es an einem morgen schnelles Antreten, dann gab es aber noch langes rumstehen, wobei man von allen Seiten Kaffee und wieder Kaffee bekam, wovon der Soldat auch viel verträgt. Als wir dann doch losmarschierten, sah uns der Großherzog auf der Rheinbrücke bei Neuenburg nach. Dort gab es viel Wasser in Kübeln, man schwitzt aber auch in der Marschkolonne unheimlich, das Gepäck war insgesamt 58 Pfund schwer und drückte unleidlich. Im laufe des Krieges kamen sogar noch Decken und Gasmasken hinzu. Nach dem langen Märschen bin ich froh, dass ich meine Stiefel loswerde; mit etlichen vom Stabsarzt aufgeschnittene Blasen schlupfe ich in die Schnürschuhe; man fühlt sich nur mit den beiderseits zum Tornister herausschauenden Sohlen etwas weniger soldatisch.

 

 

Kriegsbegeisterung August 1914

 

Die ersten Spuren des Kampfes: Verwundete, Tote, Flüchtlinge

Bei Mühlhausen sahen wir zum ersten Mal die Spuren des Kampfes. Zuerst begegneten uns flüchtende Anwohner mit ihren Habseligkeiten, dann einzelne Verwundete; schließlich lagen dort tote Deutsche an Ort und Stelle, umgeben von Tornistern, Gewehren und Stiefeln mit Schußspuren usw. Von den Einwohner hörte man vom Gefecht, die Soldaten seinen zu schnell, fast ohne zu schießen, einfach losgestürmt und hätten dann durch das Flankenfeuer den Tod gefunden. Nachdem wir einige Zeit in elsässischen Dörfern stationiert gewesen waren, wurden wir eines morgens mit der erschreckenden Nachricht geweckt, dass die Franzosen nur 6km entfernt waren. Wir schlossen uns der Vorpostenkompanie an und trafen bald das Battailon.

 

Die erste Schlacht

Bei Menzingen wurde noch einmal gehalten und gegessen, hier fand für das Regiment auch ein katholischer Feldhottesdienst statt, ein Anzeichen dafür, dass es heute losgehen würde. Wir hörten das Bummern der Kanonen, als uns zugerufen wurde, dass Italien Frankreich endlich den Krieg erklärt habe, was ich dann einige Tage so halb glaubte. Einige Truppen war diese Nachricht sogar von dem Hauptmann mitgeteilt worden. Bald sahen wir die Geschütze der Franzosen in einer Ziegelei einschlagen, wir schauten dem wie einem Schauspiel zu, wir besahen die Granatlöcher und lernten zum ersten Mal den immer gleichen Knall des Abfeuerns, von dem Geräusch der Explosion zu unterscheiden. Wir standen jedoch weit genug weg, als dass es uns gefährlich werden konnte. Wir gingen dann leise weiter, um den Feind nicht aufzuschrecken, bis man uns sagte, vor 1000m sei eine franz. Stellung. Ob sie besetzt sei, sah man nicht, aber man merkte es, denn auf einmal fing es an: ts ts ts! Gar nicht gefährlich klingend, wie Vogelgezwitscher, aber das mussten die Flintengeschosse sein, die auf die herausschauenden Köpfe gemünzt waren. Plötzlich hieß es vorstoßen. Neben uns war ein Wald der einen Wall bedeckte, einzeln sprangen wir hinüber. Das war ein Schauspiel, wie wir wie Wespen aus unserem Versteck hervorkamen. Wir konnten die feindliche Stellung durch die Äste kaum sehen, wir schossen einfach drauf los. Anscheinend waren wir zu viele für sie, später rannten einzelne Franzosen in das nahegelegene Dorf Schneckenbusch. Ich freute mich schon, sagen zu können, dass ich mir aus dem Sausen der Geschosse nichts gemacht hätte, doch ich hatte mich zu früh gefreut - whß - whß - whß - bumbumm - bum! kommen die 4-Schuss einer Batterie, man spürte sie in den in den Bäumen zerplatzen. Man schaut allerdings nur ungefähr hin, denn beim ersten Sausen zieht jeder als unwillkührliche Schutzbewegung den Kopf ein, immer mehr bis zu einem Aufzucken beim "Bumm!". Dieser kurze Zeitraum ist es, was das Artielleriefeuer so wirkungsvoll macht, ich kann wirklich nicht sagen, dass es mich in der selben Gemütsruhe ließ, wie das Gewehrfeuer. Nachdem die unmittelbare Gefahr vorbei war, legte ich mich längs einer Hauswand hin, den Tornister in der Gefahrenrichtung liegend, und wartete so einige Salven ab. Ziegelbrocken fielen auf mich, und in den Bäumen wars, wie wenn Blitze einschlügen, Zweige fielen unaufhörlich herunter. 

 

[…] Die nächsten Tage wird weitergekämpft, die Franzosen ziehen sich zurück. Man kommt der französischen Grenze immer näher, diese sollte auch bald überquert werden. 

 

In der Dämmerung brachen wir auf, nach Frankreich. Es zeigte sich aber nicht von der schönsten Seite, denn wir gingen auf einer schlechten Waldstraße, auf dem zudem eine kilometerlange Kolonne der 76ern standen, aber es machte Spaß, bei diesen Bekannte zu suchen. Und tatsächlich, plötzlich ruft einer neben der Kanone: „Einjähriger Schellenberg!“, „Hier!“, „Wo?“, Hier!“ „Bist du von der Heuvel?“, „Ja!“. Schon bin ich in der Dunkelheit vorbei, ohne zu wissen, wer der Rufer gewesen war.

 

 

Meine Urgroßväter im ersten Weltkrieg. v.li.n.re.: Helmuth Schellenberg,

Friedrich Thumm, Konrad Goldenstern und Wilhelm Bandur

 

[…] Ab den 23.8.1914 bleibt das Battalion bei Frémoville zwischen Cirey und Blamont liegen. Nach einigen kleinen Kämpfen und einen fröhlichen Lagerleben mit viel Wein kommt man am 25.8.nach Montygny.

 

 

Kämpfe und Plünderungen in und um Ville de Baccarat (Meurthe-et-Moselle)

 

Beschießung des Kirchturms

Wärend wir von der Feldküche Kafee empfangen, kracht auf einmal ein Schuss. Gleich darauf folgen mehr, aber wir konnten wegen einer Gartenmauer nichts sehen. „Hergott, da halten sie sich gegenseitig für Franzosen“, denkt alles und ein Offizier lässt „Das ganze Halt!“ blasen. Es nützt nichts, nun gab es keine Zweifel, das waren die Franzosen. Wir rannten raus, als es von einem 500m entfernten gotischen Hauptkirchenturm krachte. Dem Befehl: „Artillerie auf den Kirchturm feuern!“ kamen wir sofort nach. „BUMM“! Einige Steine fallen vom Turm, beim zweiten Schuss ist das ganze Glockenstockwerk in Rauch, der ganze Turm wackelt deutlich.

 

 

 

Auf der Suche nach den feindlichen Franzosen, nebenbei wird ein wenig Essen geplündert.

Wir bekommen den Befehl zum Vorgehen, auf der anderen Seite der Straße. Wir Klettern mit den Bajonett über die mannshohe Parkmauer und kamen zu einen Schlösschen, wohl das eines Fabrikanten, denn dort stand auch eine Ziegelfabrik. Wir sollen die Häuser nach den Franzosen durchsuchen. Es war eben noch gekämpft worden, auf dem Platz lag ein Toter. Das erste Häuschen war verlassen, wir suchten im Keller, den wir mit den Beil aufhackten, aber es gab dort noch nicht mal Rotwein. Dafür lief die Wasserleitung, außerdem steckten ich mir eine Büchse Zucker ein. In den anderen Häusern sind die Bewohner daheim: „Madame, nous avons l'ordre de chercher, s'il y des Francais ici. Il faut montrer le tout." („Meine Damen und Herren, wir haben den Auftrag nach Franzosen zu suchen. Wenn Sie uns alles zeigen würden?“) Man läuft überall herum, schaut in dem Keller hinter die Holzbeigen, sticht mit den Bajonett unter den Betten herum und schließlich kriegt man womöglich freundlichst Obst, Biskuitt und Kaffee. Alle sind froh, dass man ihnen nichts tut, trotzdem sind sie alle sehr verängstigt, besonders wegen unseren Kanonendonner, dabei ist dieser für sie ungefährlich. Man gibt den Befehl, dass alle Einwohner vor die Haustür kommen sollen, manche sind aber nicht herauszubringen. Man sagte uns: „Ils sont dans la cave!“ (Sie sind unten im Keller!), worauf ich fragte: „La cave c'est la chose au dessous?“ (Befindet sich Wein im Keller?) Im Keller finde ich ein Durcheinander von Esswaren, zwei kurze Salami, Zwetschgen und Rosinen stopfe ich mir in die Tasche. Eine Salami fällt mir in der Eile aus der Tasche, noch lange hat es mich geärgert, dass ich sie liegen gelassen habe. Ich komme an der Ziegelfabrik vorbei, wo ich eine Beilpicke liegen sehe, ich nehme sie mit Vergnügen mit. Sonst mussten wir uns solche Gerätschaften immer mit 5 Mann teilen. Später fand ich noch einen weggeworfenen franz. Spaten, einen Tag lang schleppte ich beides mit herum.



Der Fund einer Französischen Zeitung

An diesem Tag machte ich noch einen Fund: aus dem zerschlagenen Fenster eines geschlossenen Pfördnerhäuschens holte ich mit dem Bajonett eine neue Zeitung heraus. Überschrift: „Nos Victoires“. Neu war mir, dass sie wieder in Mühlhausen standen und 6 Kanonen genommen haben wollten. „Wir stehen unverändert in Saarburg“ O ho! Dann wieder ein echt französischer Artikel über den Empfang durch die unterdrückten Lothringer. Wer die erste deutsche Fahne nimmt, bekommt durch ein Testament 25000 Fr. On dit, dass sie bereits genommen sei... Später brachte ich die Zeitung unserem Offizier. Mit einer Beilpicke wurden noch schöne Büroräume geöffnet, wo wir uns mit neuen Bleistiften versorgten.

Dann hieß es, die Franzosen seine im angrenzenden Wald, man hörte das knattern der schnellen deutschen und die der langsamen französischen Maschinengewehre. Gelegentlich wurde „Das Ganze Halt!“ geblasen, ein Zeichen dafür, das wir Deutschen aufeinander schießen, wie das im Wald leider öfters vorkommt. Auch wir bekamen einige Schüsse von Kameraden ab. Nach einer Weile kamen wir zu einem Dorf, wo ich mit meiner neuen Beilpicke zu Eheren kam, mit der ich einige Zäune umwarf. Der Aufenthalt wurde durch reife Mirabellen erleichtert, ich fand später noch glücklich einige Franzosenbiskuitts in einem Tornister.



St. Barbe wird angezündet

Wir kamen nach St. Barbe, wo wir auch wieder die Häuser durchsuchten. In den Dorfinneren knallt es überall, so dass wir uns wieder außerhalb sammeln, bis der Oberleutnant den Befehl zu feuern gabt. Davor sollten alle Deutschen das Dorf verlassen. Es standen aber schon Gulaschkanonen und Sanitiätswagen im Ort, erst als die Artillerie schoss, gings raus, da bahnte sich jeder einen Weg, eine richtige Flucht. In St. Barbe wurde ein durch die Geschütze ausgelöster Brand immer größer und es wurde an verschiedenen Stellen sogar angezündet – schon zogen auch die Einwohner mit Bündeln und langsamen Ochsenwagen an uns vorbei. Dann kam ein Arzt uns sagte, es wäre sehr gefährlich in den Ort zu gehen, höchstens mit 6 Mann. Gleich bei den ersten Häusern stand eine alte Frau (echt französisch in Nachthaube usw.) Er ging gleich auf sie los und fragte sie, ob Franzosen im Ort wären, wobei er immer seinen Revolver mehr oder weniger drohend in der Hand hielt. Ich konnte leider nicht hören, was die arme Frau sprach, aber der Arzt rief uns gleich zu: „Da sind Franzosen drin, sagt die Frau!“. Hurra. Das Haus der Frau wurde durchsucht, aber es war kein feindlicher Soldat zu finden. Inzwischen brannten viele Häuser, viele Menschen und Soldaten standen am Rathaus, die Verwundeten wurden rausgebracht. Ein junges Mädchen redete lebhaft auf mich ein, ich verstand sie nicht und wandte eine häufig gebrauchte Phrase an: „Eh mademoiselle, parlez lentement, s'il vous plâit, or je ne comprends pas.“ (Hey Miss, sprechen Sie bitte langsam, sonst verstehe ich nicht, was Sie sagen.). Nun verstand ich sie, sie sagte, sie hätten noch Wein im Keller. Ich war doch ein wenig verwundert, denn ich hatte gedacht, es geht um den Brand, zum Weintrinken hatten wir keine Zeit, ich glaube, es waren sonst genug Soldaten da, die auf nichts anderes als auf Plündern aus waren. Hier schließlich wurden wir vom Arzt entlassen. Später stritt man sich, ob überhaupt Franzosen in dem Ort gewesen waren, ich teilte die Meihnung eines Offiziers, dass nämlich die Franzosen zwar da gewesen waren, dann aber schnell das weite gesucht haben. Die Schüsse stammten wahrscheinlich von eigenen Soldaten, die ohne Befehl losgefeuert hatten.

Die Kompanie blieb über Nacht auf der Stelle, bis wir am nächsten Tag weiterzogen. St. Barbe war zu etwa 1/3 verbrannt. Der General hatte die Brandlegung aufhören lassen.

 

 

Die erste Verwundung

 

26. August 1914: Wir hatten in einem kleinen Wald bei St. Barbe Stellung bezogen. Überall lagen Verwundete und Tote, wir jedoch standen alle hinter einem Baum, überall knallte es uns um die Ohren. Die Gegend war ziemlich eben, sodass man nicht weiter als 50m sehen konnte. Dem Erfolg nach waren wir es, die schossen, aber wegen der Sicht war ich mir nicht sicher. Trotzdem wurde es mir in meinem von dem Regen durchnässten Mantel warm und es fiel mir nicht schwer dauernd „Hurra!“ und „Ihr Saukerle!“ zu rufen, obwohl ich nicht selber schoss. Schließlich wollte ich doch auch noch Franzosen zu Gesicht bekommen, rannte los und brüllte, damit ich nicht von den eigenen Kameraden erschossen wurde. Als ich auf einen kleinen Weg kam, sah ich zwei Franzosengestalten den Hang entlang schleichen, so auf 50m. Ich schrie vor Freude: „Da sind sie!“ und wollte gerade hinter einer armdicken Kiefer aus sie anlegen, als ich auf der rechten Seite einen Stich spürte und schon annehmen musste, dass ich verwundet sei. Ich meinte zuerst, es sei ein Bauchschuss (von der Gefährlichkeit dieser Wunde hatte ich damals keinen Begriff). Wärend ich mich möglichst hinter mein Bäumlein drückte, kamen noch mehr und es gab einiges Geschiesse hin und her mit dem Ergebnis, dass es noch mehr und schwerer Verwundete gab, während die Franzosen abzogen.

Nachdem mich ein Kamerad verbunden hatte, zog ich des schweren Gepäcks endlich ledig nach einem Verbandsplatz, der in der Dunkelheit aber nicht so einfach zu finden war. Erst ging ich mit einigen Kameraden, die einen irr gewordenen Feldwebel führten, dann mit einigen, die einen Verwundeten unter großen Schwierigkeiten in einer Zeltbahn schleppten. Ganz in der Nähe waren an diesem Tag auch die Brüder Elbs gefallen, die ich wenige Tage vorher noch gesehen hatte. Aber das sollte ich erst viel später erfahren. Im Stockdunkeln stolperte ich über einige besetzte und unbesetzte Schützengräben und erreichte schließlich einen Verbandsplatz. Die Nacht verbrachte ich in der vorhandenen Unterkunft, nämlich einen feuchten und gedeckten Schützengraben.


Eintrag in den Verlustlisten 

 

[…] Helmuth wird in ein schlechtes Lazarett zurück nach Karlsruhe transportiert. Dort heilt er bis zum 29. Oktober 1914 vollständig aus. Er wird in der 2. Ersatz Kompanie eingereiht bis er wieder zu der 6/113 stößt. Während er fort war, gab es viele Siege, aber auch viele Gefangenschaften und Tote auf den Seiten der Deutschen.



Erste Stellungskämpfe, Helmuth wird Unteroffizier.

Am 2. Oktober rückten wir in Stellung, d.h. wir kannten diesen Begriff kannten wir damals noch nicht so recht, da es einem neu war, immer so lang an einem Fleck zu bleiben. Und gerade die ersten 14 Tage die wir vor Auchy lagen, sind mir darum so lange in Erinnerung geblieben. Man hörte als Donnergrollen die Ypernschlacht und wartete auf den Druck von dorther, um auch vorzugehen. Es fanden bei uns noch Angriffe auf die Ziegelei und den Prellblock von Auchy statt. Wir lagen in teils zusammenhangslosen Löchern zu 2. oder 3., teils in wannenförmigen Einzellöchern, die durch einen Graben verbunden waren, teils im Graben, wo sich jeder einen Platz für seinen Körper freihielt, während die Beine in den Graben steckten. Bei Regen bauten wir uns ein Zelt auf.

Am 18. und 19. Oktober lösten wir mit Schneewetter die 111er ab, marschierten nach Vermelles ab. Die Unterkunft war hier viel besser, schwer war hier nur das Essen holen: ¾ Stunden im Graben nach Vermelles, das man auch sonst wegen Wasser, Kartoffeln oder Brennholz aufsuchte, obwohl die Franzosen von verschiedenen Stellen mit Gewehrschüssen hineinfeuerten. Hier in Vermelles wurde ich ende Dezember Unteroffizier. Ich verließ Vermelles und kam in die Stellung bei Fosse (zwischen Auchy und Hulluch). Bis ende des Jahres buddelten wir in Hulluch fast unbehelligt vom Feind neue Gräben, welche bis 5m in die Tiefe reichten.



1915

- Ende des fröhlichen Soldatenlebens -

 

Schrecklichen Barrikaden auf der Lorettohöhe

Im Januar kamen wir einmal zur Aushilfe 5 Tage lang an die Lorettohöhe. Wir kamen nach Ablain, das trotz der Barrikaden nicht all zu schlimm aussah. Es schneite, und als wir in die Stellung rückten, saute es. Diese Zeit sollte für mich mit das schlimmste sein, was ich in diesen Krieg mitgemacht habe. Im Graben stand das Wasser und der Schlamm, dass alle Bretter darin ersoffen. Unterstände rutschten zusammen, die Gewehre waren rettungslos verrutscht, dabei kannten wir uns in der Gegend nicht aus, wir wussten garnicht richtig, wo wir uns befanden. Als wir dann glücklich nach Annay kamen, wurde zunächst nicht viel aus der Ruhe, weil uns am nächsten Tag der Großherzog in St. Augustin bei Lens besichtigte.



 

Die zweite Verwundung

 

Eintrag in den Verlustlisten

 

Im April wurde als Neuheit sogenannte Kaninchenlöcher gebaut, enge tiefe Löcher, die behelfsmäßig gestützt wurden mit einem zweiten Ausgang, oder wenigstens einer Notröhre. Sie waren gegen leichte Kaliber gut, waren aber leicht zu verschütten und vor allem kam man sehr langsam heraus. Die Franzosen schanzten sich allmählich näher heran und am 9. Mai fing dann das ferne Donnern an der Lorettohöhe an. Unsere Kompanie lag ausnahmsweise dicht neben der Straße Hulluch-Vermelles. Unser Zug bekam um 10 Uhr vormittags Artilleriefeuer aus leichtem Kalieber, dass wir uns in die Kaninchenlöcher verzogen. Auf einmal rannte ein Unteroffizier an mir vorbei: „Raus, sie kommen!“ „Sie“ waren allerdings noch einige Kilometer entfernt, man konnte die damals noch schwarzen Gestalten gut sehen. Am nächsten morgen geschah wieder das selbe, und wir gingen wieder in unsere Löcher. Ich war gerade beim Zeitungslesen auf der Bank, als plötzlich, ohne dass ich mir über das Zustandekommen gleich klar war, alles anders war. Ich saß mit dummen Kopf an der Wand mit einem Steinhaufen auf den Beinen und sah den Himmel durch ein Loch in der Decke. Die anderen schlugen die Tür auf und rannten heraus, nur zwei blieben stöhnend neben mir liegen. Zunächst kam mir der erfreuliche Gedanke, dass ich noch lebend war, dann wollte ich mich aufraffen, aber der rechte Arm wollte nicht. Der Unterarm wand sich wie ein selbstständiger Wurm auf dem Boden. Ich hob ihn auf und wollte sehen, ob am Ellbogen Blut heraustropfte, es aber nicht der Fall. Offenbar war eine Granate in der Decke krepiert, hatte aber glücklicherweise weniger durch Splitter als durch Holzstücke der Decke durch Luftdruck gewirkt. Ich hatte Schrammen und Quetschungen an allen möglichen Stellen, z.B. an der Lippe, sodass ich nur gebrochen reden konnte. Außerdem sah ich im ganzen Gesicht von blutenden Schrammen, Pulverdampf und Erde so furchtbar aus, dass mich meine Kameraden, die mich bald holten, für schwerverwundet hielten.

 


Sogenanntes "Kaninchenloch" vor Verdun, Weihnachten 1914.

Ganz rechts sitzt mein anderer Uropa, Wilhelm Bandur.

 

Wieder in der Heimat

Der Stellungsarzt band mir den ohne äußere Wunden gebrochenen Oberarm am Körber fest und so spazierte ich bei warmen Wetter müde nach Hullich und von da im Auto ins Feldlazarett nach Pont-á-Vendin, wo mich mein Freund Franz R. begrüßte. Nach zwei Tagen hier und in Douai kam ich im Lazarettzug nach Oberhausen i. Rh. ins St. Vincenshaus, ein Ordenshaus der Dominikaner, hier blieb ich in guter Pflege und mit vielem Spazierfahren in der Umgebung (Essen, Mühlheim, Duisburg), bis Ende Juli, wo ich nach Freiburg verlegt wurde. Nach kurzem Aufenthalt in der Hildaschule kam ich für August heim, im September in die Genesungskompanie, im Oktober zum Rekrutendepot, wo wir junge Mannheimer ausbildeten, mit diesen ging es im November dienstfähig zu Feldkompanie über.  

 

 

1916

- Kämpfe bei Verdun und an der Somme -



Ville-en-Woevre bei Verdun

 

Am 2. März 1916 kam ich wieder mit einem großen Transport für das 1. Inf. Reg. 28. Man konnte leicht vermuten, dass das Battalion irgendwo bei Verdun sein musste. Wir fuhren über Metz-Conflans bis Bucy les St. Jean, von da marschierten wir zu Fuß über St. Maurice in den Wald von Braquis, wo wir gleich durch Granatfeuer Verluste hatten. Wir trafen die 2te Kompanie in Ville-en-Woevre. Es fing in der nassen Gegend ziemlich trübselig an. Es äußerte sich darin, dass wir anfangs jeden halben Tag die Stellung wechselten, wir zogen dauernd von Reservestellung zu Reservestellung und hatten gleich am zweiten Tag Verluste, durch die dauernden Feuerüberfälle, die die Franzosen bald dahin, bald dorthin richteten, so dass man nirgends sicher war. Wir legten uns an einer Waldspitze nieder, wo in unregelmäßigen Löchern immer ein großer Teil lag. Die Franzosen schossen dauernd hin, aber ohne großen Erfolg, da wir annähernd im toten Winkel lagen. Die Reservestellungen allerdings liegen immer wieder voll Wasser, da der Boden undurchlässig war; dann hub man wieder neue aus, erst später fing man mit den Stollen an. Am bequemsten waren die Keller im Dorf. Gas (immer von Granaten) bekam ich nur von der Ferne zu riechen. Dagegen habe ich sehr unangenehme Erinnerungen an die Feuerüberfälle, man musste sich bei Tag und Nacht auf die Erde schmeißen. Richtige Ruhezeiten bekamen wir auch nicht. Erst am 1. Mai wurde ich zu einem Offiziers-Kurs heim kommandiert.

 

Helmuth (zweiter von rechts) 1916 in Berlin als Offiziersanwärter. 

 

[…] Nach einem Heimatsurlaub bis Ende September stößt Helmuth als Vizefeldwebel wieder zu seiner Kompanie. Diese lag noch in der gleichen Stellung, allerdings war es viel ruhiger und die Unterstände hatten sich sehr verbessert.



Die (Schlamm-)Schlacht an der Somme



Einquartierung in Malincourt

Um den 20. Oktober wurden wir hier abgelöst und verladen, Richtung Somme, wie man gleich vermutete, trotz zahlreicher Gerüchte. Nach Durchfahrender Nacht wurden wir eines Morgens in Bertry südöstlich Cambrai ausgeladen und marschierten durch die furchtbare Backsteingegend nach Malincourt, wo ich drei Tage bei einer Pariserin im Quartier lag. Ihr Mann war im Feld, ihr einziges Kind im Krieg gestorben, sie wusste nicht, ob ihr Mann die Nachricht davon erhalten hatte. Sie erzählte von ihren Einquartierungen, welche sie in die Rubriken „il était méchant (=Es war böse!)“ und „il etait tout comme il faut (=Es war alles, wie es sein sollte!)“ einteilte. Hoffentlich gehöre ich zu den letzteren.



Wir waren mit unseren Gedanken naturgemäß immer bei den kommenden Ereignissen, aber im Bewusstsein, dass wir eben auch einmal dran mussten. Wir wurden im Automobil vorgefahren bis Bertincourt, das etwa 10km hinter der Front lag und noch nicht beschossen war. Hier ließen wir unsere Tornister und empfingen Stahlhelme und eiserne Portionen für drei Tage. Der Stahlhelm saß infolge der Polsterung gleich viel angenehmer als der Lederhelm. Noch in der gleichen Nacht rückten wir vor. Ich hatte eigentlich keinen Zug zu führen, aber da der Leutnant oft anderes zu tun hatte und aus seinem Unterstand ungern herausging, hatte ich so ziemlich die Führung des Zuges in der Hand. Einzelne Einschläge in der Nähe krachten unheimlich und besonders erschreckte mich der plötzliche Abschuss eines eigenen Geschütz.



Das Leben im Stollen

Wir ließen uns in einem schlammigen Graben nieder, der, wie sich später herausstellte, einer 15-20m tiefer Stollen war. Mit Mühe brachte ich meine Truppe zusammen, die sich in der Dunkelheit beim Übersteigen eines Drahtverhaues verlaufen hatte. An einigen versoffenen Stollen bildete das Wasser einen langen Spiegel, und bei meinen Versuch, dort durchzukommen, lief mir das Wasser in die Stiefel. Die Herrichtung gelang auch in den folgenden Tagen nicht recht, da die Arbeit durch die häufigen Beschießungen unterbrochen wurden. Ich erinnere mich, dass von den dauernden Luftdruck der Einschläge das Kerzenlicht ausging. Am dritten Tag setzte ein längerer Regen ein. Während mir in dieser Nacht vorübergehen stark unwohl war, brach an einer anderen Stelle ein See, der sich vor der Brustwehr angesammelt hatte, und floss in den Graben. Ein Stollen wurde rechtzeitig geräumt, im zweiten waren die Leute eben am zusammenpacken, als das Wasser plötzlich als Bach die Treppe herunterspritzte. Die Bewohner sprangen heraus und ließen alles Gepäck, Gewehr, Gasmasken und sogar Soldbücher liegen, am nächsten Tag mussten sie zur Neuausrüstung zurück geschickt werden.



[…] Helmuth rückt bei Nacht mit seiner Truppe unter ständiger Lebensgefahr in die zweite Linie nach Le Transloy vor. Sie lassen sich dort in einem 10-15m tiefen Kreidestollen nieder.



Hier unten waren wir also sicher, wenn auch mal ein Blindgänger den Luftschacht heruntergepurzelt kam; dieser Vorteil musste aber mit verschiedenen Nachteilen Verknüpft werden. Es war dort unten zwar viel Platz, aber wir waren insgesamt etwa 600 Mann. Der einzelne hatte kaum eigenen Raum, und die Luft war entsprechend meist entsetzlich. Und dann machten die Latrinen immer Kopfzerbrechen, die notwenige Reinigung war nicht nur eine unangenehme, sondern auch eine große Arbeit. Von der Decke fielen immer Steine auf die Bewohner herunter, was gelegentlich Verwundungen gab. Dauernt war man durstig, die Selterwasserflaschen reichten bei den schlechten Transportverhältnissen nicht aus. Wir schleppten gelegentlich auch Wasserflaschen in die erste Linie, einmal hatte ein Zug diese fast bist zu den Engländern getragen. Sonst hatten wir wenig zu tun, wir waren die Reserve für alle Fälle.

 

Englische Soldaten in Le Transloy im Oktober 1916. Mein Urgroßvater befand

sich zu der Zeit ganz in der Nähe.

 

Wie man bei Nacht und Nebel den Weg findet

Für uns kam der Befehl zum ausrücken, wir sollten unsere vordere Linie rechts verlängern. Es war ein böser Marsch, da der Mond nicht zu sehen war. Ich hatte die Spitze des ersten Zuges zu führen, als ich zwei Melder erwischte die mich führen sollten. Es war aber schwer, sie dabei zu behalten, denn sie hatten kein Gepäck und wollten möglichst schnell durch die Gefahrenzone, während unsere Kompanie, um nicht abzureißen immer auf die Langsamen warten mussten. Langsame waren wahrhaftig dabei, teils Alte, teils solche, die in der Dunkelheit nichts sahen. Wir kamen an einen berüchtigten Hohlweg, die nur halbmannstiefe Straße nach Gendecourt. Er war ganz ausgefüllt mit großen und kleinen Granatlöchern und diese mit Schlamm. Es ging die Sage, dass in diesen schon mancher erstickt sei. Man tastete sich mit dem Fuß durch, endlich kamen wir ins Freie.



[…] Die Kompanie kommt in der 1. Linie an und befreit seine Gräben von Blindgängern und Ausbläsern.



An der vordersten Front

Am Vormittag des 4. Novembers blieb es ruhig, außer dass wir in der Ferne Engländer in Kolonnen sahen, offenbar eine Ablösungen, diese beschossen wir, bis sie verschwanden. Am Nachmittag allerdings wurden wir von der Artillerie beschossen, immer in die Gegend sehr nahe hinter uns. Irgendetwas mussten sie da vermuten, jedenfalls lagen wir an dem Tag eng an die Vorderwand unserer Behausung gedrückt und hörten, wie es in Pausen kurz und schaff über uns wegpfiff und unmittelbar darauf krachte, oder auch nicht, es gab ziemlich viele Blindgänger dabei. Man sah aus der Tiefe die schwarze Rauchfahne und es kam eine Ladung Grand vorbei oder es summten Splitter um unsere Köpfe. Plötzlich wurde es laut; ich merkte, es müsse was los sein und da kamen auch schon zwei Mann gerannt, die nichts besseres wussten, als in mein Loch zu springen. Bei ihnen war einem durch einen Blindgänger der Fuß abgerissen worden, glücklicherweise aber ein Gesunder dort geblieben. Die Neuankömmlinge hatten reichlich Angst, es war allerdings auch ungemütlich, wir drückten uns als Knäuel in unser Loch, dass man den Herzschlag des anderen hörte. Erst im Morgengrauen hörte es auf, da ging ich zu meinem Schwerverwundeten, den ich schon gestorben glaubte, er war aber recht munter, obwohl er durch eine Granate nochmals verschüttet worden war.



[…] Nachdem es Anfangs noch genug Essen gab, wird die Versorgung immer knapper. Die Engländer starten wieder eine großes Artillerieschießen, was zwar unangenehm war, aber ohne großen Schaden für die Truppen endete.



Was uns jetzt wieder zu schaffen machte, war die Nässe. Am Tag war nicht viel los, wir hatten nur immer viel mit unserem Loch zu tun. Während wir vor allmählich tiefer kamen, floss der Schlamm an der Hinterwand langsam in unser Loch hinein und da wir bei Tag nichts hinauswerfen konnten, schaufelten wir es mitsamt den gelegentlich von der Vorderwand herunterkommenden Brocken wieder hinten drauf. Die Last drückte dann aber den Schlamm wieder nach unten herein und in diesem Kreislauf verschwand wohl auch meine Mütze, meine Brille und mein Seitengewehr, wenigstens fand sich dies alles beim Abgang nicht mehr vor. Trotzdem wurde es mit dem Wetter immer schlimmer, während es anfangs nur gelegentlich regnete, kamen jetzt Patzregen und Dauerregen. Jetzt waren unsere Löcher nicht mehr brauchbar, wir mussten uns auf frischen Boden ein neues Grabenstück ausheben.

 

German Trenches on the Aisne 
Date Created/Published: [no date recorded on caption card] 

Reproduction Number: LC-DIG-ggbain-19761 (digital file from original negative)

Deutscher Schützengraben an der Aisne.

 

Ein besonderer Auftrag

In dieser fünften Nacht hatte ich einen besonderen Auftrag. Ich ging auf eigene Veranlassung zum Battalion, einmal wegen unseres zu kurz liegenden Artilleriefeuers und dann um unsere in dem Wetter allmählich nicht sehr angenehme Lage aufmerksam zu machen. Für letzteres war ich ein sehr drastisches Beispiel, denn ich war von oben bis unten nass und gelb verlehmt und verschlammt; wohin ich in der sauberen Stollenwohnung trat, hinterließ ich Spuren und wollte ich eine Karte anrühren, so hatte gleich diese und der Tisch vom Mantelsaum braune Flecken, sodass ich für die Mitgebrachte Meldung unseres Hauptmanns ein gutes Beispiel abgab. Ich wurde auch dementsprechend gut aufgenommen, bekam eine Flasche Wein für unseren Hauptmann und auch von den Ordonnanzen Zigarren für die Leute. Weniger glückte der Artillerieauftrag, da ich unsere Lage auf der Karte nicht genau feststellen konnte. Viel getrocknet war ich auf den Rückweg auch nicht und der Schlamm an mir wollte auch garnicht trocknen, es kam aber noch schlimmer. Am nächsten Tag, während wir in unserm Loch unter der Zeltbahn saßen, regnete es in einem fort stark. Alles war nass, die Zeltbahn tropfte, an den Wänden rieselte das Wasser herunter, der Tornister war überall feucht und schmutzig, ich hatte kalte Füße und war so durchnässt, dass die Kleider an der Haut mir kalt vorkamen. Zeitweise habe ich aber sogar in diesem Zustand geschlafen. Nachts kam endlich die ersehnte Ablösung.


So oder so ähnlich könnte es bei meinen Urgroßvater ausgesehen haben.

1917 in Tincourt-Boucly. (Foto:  collection of the Imperial War Museums)

 

Wieder im Stollen, die Verluste der Truppe

Glücklich erreichten wir den Kreidestollen, nach einem Marsch, bei dem mir mein Mantel so schwer vorkam, wie irgendein Tornister. Wir blieben noch zwei Tage in der schlechten Luft des Stollens, bei der ich das Unglück hatte, dass eine am Boden liegende Granate losging und 4 Mann, darunter den Unteroffizier tödlich, verletzten. Gegen morgen zogen wir nach Ruyaulcourt ab, als wir gegen morgen einzogen, sangen wir so laut, wie es ging: „Die wo i garnit mag, die seh ich alle Tag'!“. Wir hatten schon Grund dazu, schon weil die andere Kompanie noch vier Tage vorn bleiben mussten. Wir hatten allerdings nur wenig Gefechtsverluste, zwei Tote und 16 Verwundete und Vermisste, aber 30 Lazarettkranke durch die schlechten Wetterbedingungen. Schon in den letzten Tagen meldete sich einer nach dem anderen Krank, man musste schon sehen, dass nicht einer nach dem anderen davonlief. Meist waren es die Feuchtigkeiskrankheiten: Geschwulste, Furunkeln, Eiterungen, Gelenkreuhmatismus. Mein Putzer Friedrich Fischer aus Einhard in Hohenzollern bekam eine Fingerblutvergiftung.



[…] Mein Urgroßvater bekommt dass E.K.II, insgesamt wurden in seiner Truppe 15 E.K.II vergeben, ihre Verdienste fanden sogar im Tagesbericht Erwähnung... Am 16 November werden sie nach Hermines verladen, bei einem franz. Professor kann Helmuth das erste mal baden. Über Umwege kommen sie nach Chemin de Dames. Dort, in der „traumhaft schönen Gegend“ wir er am 10. Dezember zum Leutnant befördert. Am 26. Dezember muss er an einem Minenwerferkurs in Sisonne teilnehmen. Nach dem er dort den Kurs absolviert hat, kommt er zu verschiedenen Truppen, denen er die Minenwerfer näher bringt.

 



1917

- Im Lazarett -



800 Gefangene in Bery au Bac

Es war am 4. Januar, dass plötzlich der Befehl erging, auf der ganzen Linie, soweit man sehen konnte, Zerstörungsfeuer auf die franz. Linie abzugeben. Auch wir schossen bei dieser Gelegenheit 200 Schuss, bei Bery au Bac wurden damals 800 Gefangene gemacht. Am 5. Januar standen plötzlich statt der bisherigen 2 etwa 12 franz. Fesselballone da, außerdem ganze Schwärme von Fliegern und die franz. Artillerie schoss sich deutlich auf verschiedene Punkte ein. Nachmittags schoss es plötzlich nach Corbény, wo bisher vielleicht 3000 Mann friedlich in den Häusern gewohnt hatten, wir auch.

 

 

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Französische Kriegsgefangene (Foto: europeana1914-1918.eu)

 

Beschuss von Corbény, Flucht in einen alten verlassenen Unterstand

Wir verzogen uns fürs erste ein Stück ins Wäldchen und schauten zu, ob sie den Kirchturm träfen, den ich noch Tags zuvor besucht hatte. Er war wie die meisten Türme durch das Glockenherausnehmen schon beschädigt. Abends wurde es weniger, aber da jede viertel Stunde pünktlich zwei Schüsse Störungsfeuer kamen, so fasste ich 1:30 Uhr mit dem Kameraden den Entschluss, die Flucht nach vorne zu ergreifen, wo ich mir einen Unterstand hatte einigermaßen ausbauen lassen. Es war dies ein guter verlassener, mit einer Öffnung versehener, ehemaliger Stand für einen mittleren Werfer. Nur noch einige einige Minen waren eine ungemütliche Nachbarschaft. Der Eingang war ein wenig zurgeschüttet, darum hatte ihn bisher niemand gefunden oder bezogen. Wir luden also unsere Habseligkeiten auf einen Karren und fuhren im Mondshein vor. Herr Hesselbarth und ich bezogen den Stand als Wohnung, indem wir den Ausschuss als Fenster ausnützten. Der Mannschaftsraum, der noch einen Luftschacht hatte, blieb den Burschen.



Die dritte Verwundung



Am nächsten Tag wurde heftig. Zwar gab es nur vereinzelt Feuerüberfälle auf die Kalkgrube und andere Plätze. Gelegentlich schossen sie auch in die Nähe meiner Stände, wobei auch bei uns einige der neuen Scheiben platzten. Die Hauptsache ging hinten zur Artillerie. Es pfiff und sauste dauernt in der Luft, da unsere nichts schuldig blieben.Vorn machte ich aber noch Spaziergänge zu den ehemaligen Ständen, die jetzt wieder besetzt waren. Nachts bei Mondschein, wenn immer die Hauptarbeiterzeit war, besichtigte ich wieder die Arbeiten. Bei einem Stolleneingang war in 5m Tiefe ein zu groß geratener Raum von 4x4m fertig ausgehoben worden. Der Durchgang zu dem 7m entfernten anderen Eingang war aber immer noch nicht fertig. Die Stände waren alle einigermaßen fertig, ich konnte mit dem Fortschritt der Arbeiten zufrieden sein. Ich wartete den Wagen ab, der uns Munition bringen sollte, dann wollte ich unsere mittleren Minen aufladen. Er kam gegen 11 Uhr mit 40 Kisten zu 6 Schuss, ich brachte das Abladen in Gang. Da gingen bei den Franzosen in der Ferne Leuchtkugeln hoch und der Unteroffizier sagte noch: „Achtung! Jetzt schießen sie!“. Vielleicht stimmte der Zusammenhang, aber zunächst ging ich ruhig die vielleicht 150 Schritt zu meinen Unterstand vor und rief den Burschen und Meldern zu, sie sollten die Minen herausbringen (Eine mittlere Mine wiegt übrigens 46kg).



Verletzt im Artilleriefeuer

Das hatte ich eben durch den Luftschacht gerufen, da hatte ich auf einmal, schneller als ich es wiedergeben kann, einen Schlag gegen das Bein bekommen, das ich umfiel. Unmittelbar darauf kam mir zu Bewusstsein, dass in schneller Folge dicht um mich Granaten einschlugen, sodass man die Funken sprühen sah, und dass ich verwundet sei. Das rief ich hinunter, aber dadurch wurde meine Lage nicht besser. Die Franzosen schossen weiter, ich war so unangenehm dran, wie schon einmal vor Verdun im März 16 (zweite Verwundung). Ich konnte nichts tun, als mich möglichst dicht an den Boden andrücken und dann horchen wie es schoss. Man hörte den Abschuss gewöhnlich mehrerer Schüsse, nach etwa einer langen halben Sekunde hörte man sie pfeifen und nach wieder einer halben Sekunde explodierten sie, wie nahe, kann man in einen solchen Fall nicht gut schätzen, aber der Verwundung nach muss es recht nahe gewesen sein, denn es ist selten, dass Splitter so tief in den Körper treffen. Während den Einschlägen hörte ich schon wieder die Abschüsse, denn so eine französische Schießerei geht sehr fix; trat nur eine kleine Pause ein, so hoffte ich gleich nacherher, es könnte fertig sein, aber da ging es schon wieder weiter, ich konnte mich nur meinem Schicksal ergeben.

 

 

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Artilleriefeuer 1914 in Verdun (Foto: Hermann Rex, gest. 1937 in München)

 

Die heldenhafte Hilfe eines Kameraden

Da kam plötzlich etwas her gekrabbelt, was ich nicht gedacht hatte, es war der Ordonnanz Schmidt von Efringen, der mich hohlen wollte. Erforderte es schon viel, so ein Artilleriefeuer auszuhalten, wenn man einmal drin ist, so es noch viel mehr, aus dem sicheren Unterstand heraus hinein zu wagen. Er machte eine vergebliche Anstrengung mich wegzubringen, da brannte es mich bei einem Einschlag wie Feuer, das ganze linke Bein hinauf und Schmidt rief auch: „Jetzt han ich au ein!“ nämlich am Knie. Da er soweit doch nicht helfen konnte, krabbelte er mit einem „So geht’s nümmi!“ so gut es ging wieder zum Eingang, vielleicht 50 Schritt zurück. Mir wurde es mit dem dauernden Feuer auch zu viel und ich kletterte zum Luftschacht, hing mich hinein, rief denen unten zu und ließ mich hinunter. Vom oberen Ende bis zum Boden waren es nicht ganz 6m, vorher hatte ich die Dicke der Deckung auf 4m abgeschätzt. Es schoss oben, dass ich noch im Hängen um meine Finger fürchtete. Im Hinunterfallen oder gleiten blieb ich halb mit Willen an den Wänden hängen, mir hatte dabei das merkwürdige Schauspiel, dass mein rechter Fuß sich soweit umdrehte, dass er mir die Sohle mit den Nägeln zudrehte. Unten ließ ich mich von der verdutzt dreinschauenden Umgebung abbinden und verbinden. Bald hörte es auf zu schießen, wie überhaupt die Nacht seitdem ruhig war.



Die beiden im Lazarett

 

Sanitätsautos (Foto: europeana1914-1918.eu) 

 

Es wurden die Krankenträger gebracht, die mich und den Ordonnanzen Schmidt nochmals verbanden und in Zeltbahnen zum Verbandsplatz am sogenannten „Stern“ brachten. Hier wurde ich nochmals geschient, die Verletzungen am linken Bein waren meistens ganz leicht, bis auf zwei Fleischwunden am Gesäss. Wir beide wurden mit dem Sanitätsauto in ein Sanitätsunterstand nach Chevreux gebracht, wo wir auf ein Auto warteten, das uns schnell weiterbeförderte. In Corbeny war die Straße schon ziemlich holperig, was sich unangenehm bemerkbar machte, es war nicht eigentlich der Schmerz, aber das schlechte Gefühl dass das Bein noch kaputter gehe, Wir wurden in Sisonne ausgeladen, in einem alten Lager. Ich erinnere mich noch Dunkel, wie aus einer Schläfrigkeit heraus das erste Bett, nachdem ich ziemlich gefroren hatte, an die erste gescheit aussehende Schwester und einem bayrischen Doktor. Ich wurde am Vormittag in der Narkose operiert, was, weiß ich selbst nicht recht, vermutlich wurden die Knochensplitter herausgenommen, noch auf dem Tisch wachte ich auf, wurde aber bald mit neuen Einschläferunsmitteln auf die Autoreise geschickt. Ich trennte mich hier von meinem getreuen Schmidt, seine Verwundung schien anfangs nur leichte Splitter, jetzt aber hatte er starke Schmerzen, wie ich viel später hörte, wo der Splitter ein Stück längs gegangen war, und welcher eine lange, nicht unbedenkliche Kur verursachte, es gab aber keine dauernden Folgen.