Mein kleiner Bruder "Baby Richard"

Wie jedermann weiß, war die Kindersterblichkeit in früheren Zeiten enorm hoch. In wissenschaftlichen Artikeln liest man, dass im Mittelalter über die Hälfte aller Kinder nicht älter als 14 Jahre geworden ist. Aber auch in späteren Zeiten war es vollkommen normal, dass nicht alle Nachkommen das Erwachsenenalter erreichten.

 

 

Kinderbeerdigung im 19. Jahrhundert

 

Heute kann man sich das beim besten Willen nicht mehr richtig vorstellen. Es gibt praktisch kaum noch eine Kindersterblichkeit, was wir wohl der guten Medizin und Technik zu verdanken haben. Diese Technik ermöglicht es auch, schon vor der Geburt festzustellen, ob ein Kind gesund sein wird oder nicht – und wenn es schlecht um das Kind steht, wird es wohl in den meisten Fällen abgetrieben. Sicherlich spielt auch die geringe Geburtenrate eine Rolle - die Auswirkungen kann man gut auf unserem Friedhof erkennen. Früher hatte er zwei Bereiche, einen für die Erwachsenen Verstorbenen, und einen für die kleinen Kinder. Heute ist letzterer nur noch ein Rasen – nur ein kleines, unscheinbares Grab an der Friedhofsmauer ist noch vorhanden. Und dies ist das Grab meines kleinen Bruders Richard.

 

Im Nachhinein betrachtet, war das Schicksal meines Bruders mehr als ungewöhnlich. Wenn ich von seinem kurzen Leben erzähle, hört es sich oft so an, als würde ich von dem Leben eines Geschwisterchens meiner Vorfahren erzählen. Und genau deshalb habe ich mich entschlossen, hier von „Baby Richard“ zu berichten, um so auch der vielen kleinen vergessen Verwandten der Vergangenheit zu gedenken.

 

Ich war damals 1 Jahr alt, mein jüngerer Bruder gerade geboren, als meine Mutter bereits wieder schwanger wurde. Sie erwartete ihr 6. Kind, und meine Eltern freuten sich auf den Zuwachs. So kam es, dass sie voll freudiger Erwartung zur ersten ärztlichen Untersuchung gingen, ohne sich viel dabei zu denken. In solchen „Pflichtuntersuchungen“ hatte meine Mutter ja schon Erfahrung. Wie groß muss da der Schock bei den Untersuchungsergebnissen gewesen sein! Der Arzt teilte meinen Eltern mit, dass das Kind nicht nur schwer behindert, sonder auch kaum überlebensfähig sein würde. Natürlich waren meine Eltern verzweifelt, gingen von einem Arzt zum nächsten. Aber alle prognostizierten dasselbe und gaben den wohl gutgemeinten Rat, das Kind so schnell wie möglich abzutreiben. Aber Abtreibung kam bei meinen Eltern nicht in Frage. Warum sollte ein kleines Wesen dafür bestraft werden, dass es sich nicht ordentlich entwickelte? So bangten sie also der Geburt entgegen. Mein kleines Brüderchen sollte, wie bereits die anderen Geschwister, eine Hausgeburt werden.

Und so wurde mein Bruder am 29. Januar 2000 im Schlafzimmer meiner Eltern geboren, so wie es seit hunderten von Jahren die Vorfahren auch gehalten hatten. Richard kam lebend auf die Welt, und er war ein wunderschöner Knabe mit rotblonden Haaren. Meine Eltern waren entzückt! Trotzdem war der Ernst der Lage sofort klar, und noch bevor der Krankenwagen vor der Tür stand, tat mein Vater wieder etwas, was wahrscheinlich alle Vorfahren vor ihm getan hätten; er nottaufte seinen kleinen Sohn und gab ihn den Namen Richard. So kam Richard für kurze Zeit in das nächste Spital, wo man diesen schweren Fall sofort mit einem Hubschrauber nach Berlin weiter flog. Die nächsten Wochen begann eine Odyssee durch die Spitäler, aber alle Mediziner waren mit diesen Fall überfragt. Richards Organe wie das Herz und das Gehirn waren nur halb entwickelt, und es war ein Wunder, dass er damit überhaupt so lange gelebt hatte. Er wurde an diverse Maschinen angeschlossen, mit Röhrchen gespickt, und meine Eltern konnten ihn immer nur durch eine Glasscheibe betrachten. Am liebsten hätten sie den Kleinen mit nach Hause genommen, sie forderten dies auch mit Nachdruck, weil diese Behandlungen und Untersuchungen für das Kind äußerst schmerzhaft waren. Der kleine Richard sollte für die Ärzte nicht zu einem „menschlichen Versuchskaninchen“ werden. Und tatsächlich gaben diese auch bald die Erlaubnis dazu, denn der Fall war hoffnungslos. Also kam mein Bruder nach Hause, und im Kreis seiner Familie ging es ihm immer besser, er wuchs und alle liebten den kleinen, ruhigen Tropf. Ich war damals gerade 2 ½ Jahre alt, aber ich kann mich heute noch daran erinnern, wie ich mit meiner Mutter zusammen seinen Bauch mit Öl massiert habe, und wie er so ruhig da lag. Nach der Massage lag das Baby immer in seinem kleinen Weidenkörbchen am Fenster und schlief.

Und dann, Wochen später, schlief „Baby Richard“ ein und wachte nicht mehr auf. Mein kleines Brüderchen starb im Alter von fast zwei Monaten.

 

 

Baby Richard in seinem Totenbettchen

 

Meine Eltern saßen am Todestag ruhig am Tisch, und manchmal kam ein Besucher vorbei. Einer von den Besuchern kam damals zur Tür rein und fragte verwundert, was denn in dem Raum so wunderbar duften würde? Verwundert schauten alle zu dem Weidenkörbchen. Und zu dem allergrößten Erstaunen meiner Eltern hatte der „Busch“, unter dem Richard immer geschlafen hatte, tellergroße Blüten entwickelt. Meine Eltern versicherten mir später, dass sie nicht bemerkt hätten, wie diese Pflanze Knospen gebildet hätte, sie wussten ja noch nicht einmal, dass diese Pflanze überhaupt blühen kann! Auf jeden Fall hat dieser „Busch“ nach diesem Ereignis nie mehr Blüten getragen. Leider ist die Pflanze dann mir in die Hände gekommen, und ich habe sie in meiner gärtnerischen Unfähigkeit eingehen lassen.

 

Doch kommen wir zurück zu dem kleinen Richard. Mein Bruder wurde in seinem kleinen Weidenkörbchen, in einem wunderschönen Leinenkleidchen, begraben. Mein Vater hat dazu selber das Grab auf dem Friedhof geschaufelt. Ich habe die Beerdigung als sehr feierlich und schön in Erinnerung, ich war einfach noch zu klein, um den Tod von meinen Bruder Richard zu begreifen. Bis heute pflegen wir das kleine Grab, und es ist der einzige Blumenfleck auf dem großen Rasen des Kinderfriedhofs.

 

 

 Die Blüten an dem "Busch"