Feldpostbriefe an die Liebste 1943-1945

 

Mein Großvater Wolfgang Bandur hat wirklich alles aufgehoben, was man nur aufheben kann... So sind auch noch alle seine Feldpostbriefe, welche er in seiner Dienstzeit im 2. Weltkrieg zwischen Februar 1943 und April 1945 geschrieben hat, vorhanden. Dabei sind alle seine Briefe an seine Geliebte, seiner späteren Ehefrau Luise Goldenstern, gerichtet. Dementsprechend kann man diese Briefe eher Liebesbriefe nennen, in welchen (scheinbar) nur wenig von dem Soldatenalltag die Rede ist. Ich habe trotzdem angefangen, die eigentlich sehr romantischen Briefe zu lesen, um alles interressante "herauszufiltern". ---

 

 

Bild: Meine Großeltern Wolfgang Bandur und Luise

Goldenstern, kurz bevor Wolfgang in den Krieg

zieht. 

 

 

 

 

Mein Opa war bei seinem Kriegseintritt 1943 23 Jahre alt. Vor seinem Eintritt war er in Lucka/ Sachsen-Anhalt in der DEA (=Deutschen Erdöl Aktiengesellschaft) als Chemiker beschäftigt. Allerdings wollt er diese Arbeit an den Nagel hängen, um sich ganz seiner Kunst zu widmen. Tatsächlich begann er im Dezember 1945 ein Kunststudium. Zu Kriegsbeginn war er in das polnische Städtchen Petrikau stationiert worden. Allerdings geriet er dort unter Diphterieverdacht, weswegen er viele Wochen im Lazarett Litzmannstadt zubringen musste. ...

 

=> siehe auch die Artikel:

 

 

1943

 

Auf der Fahrt nach Osten d. 20. Febr. 43 – Abschied von der Heimat

 

Liebe Luise!

Die letzten Grüße aus Deutschland sind es, die Du heute von mir erhälst. Die Fahrt geht nach Osten, aber meine Gedanken sind bei Dir. Viele Grüße auch an Deine vehrerte Frau Mama! Ade mein Kind, und auf Wiedersehen in der Heimat!

Dein Wolfgang

 

23. Febr. 1943 – Polens Landschaft

 

Liebe Luise!

Nach 3-tägiger Bahnfahrt sind wir gestern abends am Ziel angelangt. … Ich habe die polnische Landschaft bisher nur im Zug fahrend kennen gelernt, kann mir also kein abschließenden Urteil erlauben. Trotzdem kann ich nicht leugnen, dass sie auf mich einen tiefen Eindruck gemacht hat. Das Gelände ist flach. Oft verläuft die Ebene ohne Unterbrechung bis zum Horizont. Herrliche Kiefernwälder werden von ausgedehnten Wiesenlandschaften mit kleinen Bächen und Erlen unterbrochen. Dabei schmiegen sich die Dörfer mit ihren Strohhütten anheimelnd in die Landschaft. In den Städten säumen bisweilen die Ruinen dieses Krieges die Bahnstrecke. …

Dein Wolfgang

 

Petrikau, 28. Febr. 43 – Polnische Bevölkerung

 

Meine Liebe Luise!

Oft betrachte ich Deine schönen Bilder, die Du mir geschickt hast, und dann bin ich ganz bei Dir. …

Auch die Menschen [hier] fesseln meine Aufmerksamkeit sehr. Es sind ganz andere Menschen hier, mit ihren hohen Pelzmützen, Stiefeln und bunten Tüchern. Und denke Dir, meine Liebste, ich habe hier in der Turnhalle ein Klavier entdeckt! … Leider habe ich zum Spielen kaum Zeit, wie die Zeit überhaupt eine rare Angelegenheit ist.

Dein Wolfgang

 

Petrikau, So., 7. März 43 - Veränderungen

 

Mein Lieber Schatz!

… [Deine] letzten beiden [Briefe] … sind heute in die Hände des strahlenden Besitzers gelangt. … Im Labor sind also, wie du schreibst, recht viele Veränderungen eingetreten. Der Krieg bringt vieles mit sich und stellt Forderungen, welche tief in das Leben des einzelnen Menschen eingreifen. …

 

Petrikau, 14. März 43 – Gottestdienst und Kinobesuch

 

Meine Liebe Luise,

… Sie meine Luise, ich war hier in Petrikan zum ersten Male in einer katholischen Kirche. … Die Kirche ist in frühgotischen Stil gehalten. Zahlreiche Gemälde und Plastiken schauen herab von den Wänden. Ein prächtiger Altar bildet den Mittel – und Schwerpunkt. Die polnische Bevölkerung ist sehr rege im Besuch des Gottesdienstes. Die Kirche ist mehr besucht, als das Kino. … Wir werden … täglich [bis] wöchentlich einmal ins Kino geführt. „Wetterleuchten um Barbara“, „Die Stimme aus dem Äther“, „Ein Zug fährt ab“. Alles seichte Unterhaltungsfilme. Aber man muss mitgehen, weil das Dienst ist. …

 

Petrikau, Sonntag, 23. Mai 1943 - Briefpapier

 

Meine liebe Luise!

Die böse Post spielt mir gar schlimme Streiche. Einmal bekomme ich tagelang keine Post und dann kommen gleich zwei Briefe auf einmal. … Die DEA [Deutsche Erdöl Aktiengesellschaft, früherer Arbeitsort von Wolfgang] hat mir Schreibpapier geschickt, dasselbe, auf dem ich jetzt schreibe. … Liebe Luise, Du schreibst von Deinen Zweifeln. Zerstreue diese Zweifel, denn Du gehörst zu mir. Und der Luftballon kehr am Ende doch wieder zur Erde zurück, trotz seiner Freiheitssehnsucht und seinem Drang nach Höhe. …

 

Petrikau, 29. März 43 - Kolonne im Regen

 

Meine liebe Luise!

Der Himmel ist grau, der Horizont verschwindet im bläulichen Dunst und vom Himmel rieselt langsam und ganz leise feiner Regen. … Dicke Tropfen platschen vom Stahlhelm herab. Schweigend und im Gleichschritt stampft die Kolonne durch den nassen Sand. Die Kleider sind durchnässt, wenn wir nach Hause kommen. Aber … ich denke an die Heimat, denke an die Veilchen und die grünenden Bäume, denke an Dich, lieber Schatz. …

 

Petrikau, 31. März 43 - Tanzabend

 

Mein liebes Herz!

… Wir haben gestern abends wieder einmal K.D.F – Veranstaltung gehabt. Ausnahmsweise einmal sehr ordentlich. Es wurden Tänze vorgeführt aus der Zeit des Klassizismus 1800 über Biedermeier bis in die neueste Zeit. Dabei werden auch die „Deutschen Tänze“ Schuberts getanzt, außerdem Mozart. …

 

Petrikau, 2. Mai 43 – Frühling

 

Mai! Was alles in diesem Worte liegt! … Auch hier in Polen bühen jetzt die Gärten der Stadt. …

Hast du nun [den Film] „Alles oder nichts“ gesehen? Man kann sich viel davon vorstellen, und es ist als Schauspielername ganz originell.

Ich skizziere manchmal in Marschpausen; Ein Heftchen habe ich bei mir. …

 

Petrikau, 9. Mai 43 – Nachtübung und „Phantasiepreise“

 

Liebe Luise!

… Gestern hatten wir Nachtübungen von 2:00 Uhr an. Ich habe [so] die Geburt des Tages erlebt, angefangen vom ersten Lerchenschlag bis zum ersten Sonnenstrahl. Ich lag im Sumpf auf Vorposten und hatte so viel Zeit. … Dann habe ich wieder an die Heimat gedacht und an unsere fahrten im Mai. … Wer wird wohl diesmal unsere Erdbeeren pflücken?

Wir üben hier öfters Waldkampf. … Hier gibt es noch viel zu kaufen, was es in Deutschland längst nicht mehr gibt. Nur Kleider und Schuhe sind nicht zu haben. Dafür bezahlen die Polen selbst Phantasiepreise. Für einen Anzugsstoff werden bis zu 2000 Zlote = 1000 Mark geboten. Allerdings sind auch die anderen Waren ziemlich teuer. Ein guter Rosshaarbesen 45 Zloty = 22,50 RM, ein Aluminiumschöpflöffel 20 Zloty = 10 RM. Usw.. Ich habe das erst seit kurzem feststellen können, weil ich vorher nicht … wochentags frei hatte.

 

Petrikau, Sonntag 30. Mai 1943 – ein Bettelweib

 

Meine liebe Luise!

… Ich habe in der letzten Zeit ein wenig Muße gefunden, einige kleine Zeichnungen zu machen. Darunter (meist polnische Straßenbilder) ein Bettelweib, das täglich am Kirchentor auf den Stufen sitzt und die vorüberziehenden Leute anbettelt, die sich aber nicht weiter um sie kümmern. …

 

 

Petrikau, Freitag 4. Juni 43 – Der Gott der Soldaten

 

Meine liebe Luise!

Du findest mich hier als einen Verzweifelten. Der Urlaub, von dem ich alles erhofft hatte, … von dem ich geträumt hatte, der … wird nicht sein. Der Soldat ist doch das ärmste Geschöpf auf diesen Trabanten, ein Stein nur auf Gottes Schachbrett. Des Soldaten Gott ist aber ist die Pflicht. Sie schreit ihm allezeit entgegen: „Hier bin ich! Respekt vor mir! Und das ist mein Wille!“ …

 

Petrikau, Mi., 16. Jun. 43 – Die Freude der Kameraden

 

Meine liebe Luise!

… Meine Kameraden freuen sich immer, wenn ich einen Brief von dir bekomme, weil ich dann, wie sie sagen, einmal mit Philosophieren aufhören würde und sogar ein Schlagerliedchen singen würde. Ob es stimmt, weiß ich nicht; Ich möchte aber den Wunsch meiner Kameraden erfüllen, die Dir unbedingt Grüße ausrichten lassen wollen. …

 

Litzmannstadt, Sonntag, 27. Jun. 43 – Diphterieverdacht, Besuch vom Vater

 

Liebe Luise!

Du findest mich in veränderten Verhältnissen. Man hat mich nämlich im Krankenauto am Freitag hierhergebracht … weil ich im Verdacht stand, Diphterie zu haben, was sich aber als unbegründet erwiesen hat. Meine Halsschmerzen und mein Fieber sind schon wieder weg. Du kannt Dir nachher aber trotzdem die Hände waschen und darfst diesen Brief ausnahmsweise einmal verbrennen. … Und denke Dir, ich war in Petrikan gerade beim Arzt zur Untersuchung, als ein Heilgehilfe eintrat und meldete: „Ihr Vater wartet draußen!“. Ich konnte es nicht glauben, aber es stimmte doch. Er ist im Osten abgelöst worden und macht wieder in der Heimat Dienst.

 

Litzmannstadt, Sonnabend, 3. Jul. 43 - Untersuchungen

 

Meine liebe Luise!

 

Meine Anwesenheitsdauer in Litzmannstadt ist noch von einer mikroskopischen Untersuchung abhängig. Obwohl ich bestimmt nicht Diphterie hatte, muss ich mir diese sogenannten Abstriche gefallen lassen. Zwei Untersuchungen sind schon negativ ausgefallen. … Ein Zimmernachbar hatte [auch] schon 2x Negativ. … Das dritte Ergebnis war positiv; er durfte nicht zu der Hochzeit seines Bruders fahren und musste hierbleiben; Die Untersuchung ging von vorne los. …

 

Litzmannstadt, Montag, 5. Juli 45 – Varietévorstellungen

 

Meine liebe Luise!

… Was das Varieté betrifft, so muss ich Dir vollkommen recht geben. Anfangs wurden wir in Petrikan sehr oft zu solchen Veranstaltungen mitgenommen, was mir immer äußerst fade, ja geschmacklos vorkam. Einmal, das war das Tollste, war eine Tanzgruppe da, die mit Halbnackttänzen ihre Zuschauer (hauptsächlich Soldaten) zu amüsieren versuchte. Zum Schluss führten diese Amazonen einen höchst wiederlichen Bauchtanz vor nach der Musik: „Es geht alles vorüber.“ Du kannst Dir vorstellen, dass ich heute zu keiner Varietévorstellungen mehr gehe. …

 

Litzmannstadt, Sonntag, 25. Juli 43 – Urlaub?

 

Meine Liebe Luise!

… Das ist aber auch wie verhext mit mir: 3 mal negativ, 2 mal positiv, 1 mal negativ, 1 mal positiv. Wenn das so fort geht, komme ich aus dem Lazarett überhaupt nicht mehr raus. Dabei würde ich so gerne bei euch sein. Denn meinen Urlaub habe ich mir, wie es scheint, schon „verdient“. Es heißt, wer 28 Tage im Lazarett war hat Anspruch auf Erholungsurlaub. …

 

Litzmannstadt, Fr., 30 Juli 43 - Erinnerung an einem Spaziergang

 

Meine Liebe Luise!

Du denkst ich müsste noch im Bett liegen? Nein, schon nach der ersten Woche durfte ich aufstehen. Ich fühle mich seitdem vollkommen gesund. Ich habe den Arzt gefragt, wie nach 3 negativen Abstrichen der 4. Abstrich positiv sein kann. Der Arzt erklärte es so: Solange die Heilmittel wirken, waren die Abstriche negativ. Nachher, als das Serum verbraucht war, nahmen die Bazillen wieder zu und müssen erst wieder resorbiert werden …

Deine Erinnerung ist ja in Beziehung auf [den Spaziergang am] Lindenvorweg noch ganz gleich (auch die boshafte Bemerkung mit dem ins Wasserfallen). Aber weiß Gott! Wenn das damals schiefgegangen wäre!

 

Litzmannstadt, Mo., 2. August 43 – zu wenig geschrieben

 

Aber mein liebes Herz!

Gott behüte! Ich ein Analphabet! Oder gar stumm! Aber allen Ernstes: Habe ich wirklich so wenig geschrieben, mein Kind? Ich bin mir doch keiner Schuld bewusst. …

 

 

Litzmannstadt, Mi., 4. Aug. 43 – Lazarett-Veteran

 

Meine liebe Luise!

… ich werde hier allmählich zum Lazarett-Veteranen. In dieser Station bin ich der drittälteste Lazarettgast, denn ich bin immerhin schon 40 Tage hier. Der älteste wird heute entlassen. Er war 86 Tage hier. Hoffen wir nur, dass es bei mir nicht auch 86 Tage werden. …

 

Litzmannstadt, Di. 17. Aug. 43 – Sütterlinschrift vs. Lateinische Buchstaben

 

Meine Liebe Luise,

… In Zukunft werde ich mich bemühen, meine Briefe in Deutscher Schrift [=Sütterlin] abzufassen. Ich habe nämlich bemerkt, dass ich das Deutsche fast verlernt habe, und nur ungelenkes Gekritzel [lateinische Buchstaben] fertig bringe. …

 

Litzmannstadt, Do, 19. Aug. 43 – Mittel gegen das Lazarett

 

Meine Liebe Luise!

Du siehst, es geht im Anfang [mit der Sütterlinschrift] ziemlich holprig. Bei vielen Buchstaben muss ich noch überlegen. … Ich glaube jetzt übrigens ein Mittel zu haben, um hier heraus zu kommen. Ich gurgle morgens, mittags und abends mit einer KMnO4 [Kaliumpermanganat] und hoffe, dass das mir endlich hilft. …

 

 

 

REST NOCH IN BEARBEITUNG!