Eine Hinrichtung in Sursee 

Man zählte in Sursee (heute Kanton Luzern) das Jahr 1608, als dort schon mehrere Tage ein älterer Herr (er war immerhin schon gute 40 Jahre alt!) in einem dunklen Turm eingesperrt war. Doch am 3. Oktober des Jahres schien sich etwas in Bewegung zu setzen. Der Rat und der Schultheiß der Stadt versammelte sich in dem Gasthaus „Zur Sonne“, um ein Urteil über den Gotteslästerer Martin du Voysin (meinen Vorfahren) zu fällen. Dieser war ein eingewanderter Franzose aus dem Königreich Saone, wahrscheinlich ein Hugenotte. Er wird die berühmt-berüchtigte Bartholomäusnacht nicht persönlich erlebt haben. Er war 1556 vielleicht gerade einmal 10 Jahre alt, und ist wohl noch katholisch erzogen worden, denn er sagte über sich, „Er seye auch etwan deß Glaubens gesin [gewesen]". Doch hat er diesen "persönlichem Makel" schnell beseitigt und war anscheinend fest entschlossen, seinen neuen Glauben in die Welt zu tragen. Was ihm, wenn wahrscheinlich auch nicht so, wie er es sich erhofft hatte, gelang.

 

Er war auf den Weg nach Luzern, als er auf Rom zupilgernde Niederländer traf. Er wird diese wohl eine Weile mitleidig beobachtet haben, bis er es dann doch nicht lassen konnte: „Was sie der Mühe, Arbeit und Costens

wollen! Die Catholische Religion und das Götzenwerk seyen doch nüchts anders als Narrenwerck.“ Und er konnte sich auch nicht zurückhalten, als sie ihn fragten: „Was er denn von unser Lieben Frawen [der heiligen Maria] halte, ob er nit glaube, daß sie unsere Fürbitterin seye?“ „Ach“, widersetzte er: „Unsere Liebe Fraw seye eine Fraw wie eine andere Fraw gesin, und habe mit ihren Mann zethun gehäbt wie andere Weiber!“ gefolgt von weiteren "schweren Lästerungen". Das Schlimmste an der ganzen Sache war ja, dass er seine Beschimpfungen partout nicht widerrufen wollte. Und das war der Grund, warum er am 3.10.1608 in dem Turm saß und die Richter und Schultheiße im Gasthaus über ihn richten sollten. Nach langem Beraten kamen sie überein, gleich nach der Besprechung die Sturmglocken zu läuten und dann den Herrn du Voysin vor die Wahl zu stellen. Entweder er widerrief seine Lästerungen, oder ihn erwartet der Tod durch Enthauptung. Gesagt, getan. Die Räte schulterten ihre Hellebarden und verkündeten ihm sein Urteil: Zuerst solle er zum gewohnten Richtplatze geführt, dort aus Barmherzigkeit nur geköpft und dann sein Körper verbrannt und die Asche vergraben werden. Abschließen wurde noch angemerkt, dass dies nach den Willen des Kaisers geschehe, und wer auf die Idee käme, den Urteil zu widersprechen, könne gleich dem Franzosen Gesellschaft leisten.

 

Nun wurde es spannend. Würde er seine Lästerungen widerrufen? Natürlich nicht. Sonst wäre diese Geschichte später nicht von den Protestanten voller Tatendrang mittels Flugblättern verbreitet worden, und sonst hätte diese Begebenheit auch nicht 400 Jahre überdauern können, bis eine Nachfahrin diese Geschichte wieder ausgräbt. 

 

Wie dem auch sei, nach einer „flammenden Rede“ sei er wie „Stephanus von den Juden damals“ von der Bevölkerung durch die Straßen getrieben und gestoßen worden. Die Räte mussten ihn festhalten, dass er nicht dauernd auf sein Angesicht fallen musste. Kurz vor der Hinrichtungsstätte kam ein Bote mit einer wichtigen Botschaft, den Voysin betreffend, herangeritten. Ein Gnadengesuch? Man weiß es nicht, denn der Richter steckten sich diesen in den Hosensack und bemerkte nur: „Wann ich wiederumph einherkomme, so will ich ihn alßdann lesen, ich hab jetzt nicht derweil.“ So wurde mein Vorfahre zur Richtstätte geschleift, ihn sein Hemd vom Leib gerissen, und nachdem der von dem „blutgierigen Pfaffen“ nochmal beredet worden war, doch seine Lästerungen zu bereuen oder wenigstens zu Beichten, dass er selig in den Himmel kommen könne, hingerichtet. Natürlich nicht, ohne dass er vorher nochmals eine flammende Rede für seinen Glauben gehalten hatte. Nach seinem Ableben dauerte es nicht lange, bis sein Tod über Sursee hinaus bekannt gemacht wurde, und er als Märtyrer des Protestantismus gefeiert wurde. Die evangelische Schrift, die den heldenhaften Tod Martins beschreibt, endet mit dem Ausruf: 

 

Gott behüt vns vor dem Vbel und den Blutgierigen Surseern!

 

 

 

(Nachbemerkung: Wie gesagt, die Sache schlug in der ganzen Eidgenossenschaft hohe Wellen, und wurde von katholischer wie evangelischer Seite vielfach kommentiert. Hier ein paar Links zu den originalen Quellen:)

Evangelisch: 

http://www.e-rara.ch/doi/10.3931/e-rara-5553

http://www.worldcat.org/title/memoria-martyris-christi-eine-christliche-predigt(...)

http://www.e-rara.ch/bes_1/ch17/content/titleinfo/2065525

Katholisch:

Warhaffter vnd grundlicher Bericht, Vß was Vrsachen Martinus du Voysin (...)