Eine Anekdote aus dem zweiten Weltkrieg

Mein Großvater Wolfgang Bandur (1919-2008) hat überaus gerne von Anekdoten aus seinem Leben gesprochen. Uns erzählte er, wie es bei älteren Menschen der Fall ist, immer die Selben, aber es waren nie welche aus seiner Kriegszeit dabei. Vielleicht wollte er uns Kinder "schonen", es war ihm unangenehm oder es gab einfach nichts zu sagen - wer weiß. Als ich aber nach seinem Tod die hinterlassenen Unterlagen nach Ahnenforschertaugliches durchstöberte, fiel mir auch ein kleines Notizheft aus den letzten Weltkriegsjahren in die Hände. Zu meiner großen Überraschung hatte er dort neben Rezepten, Abfahrtszeiten und Dichtern auch ein Tagebucheintrag verfasst. Man merkt dem Eintrag an, dass er sich zu der Zeit wie versessen auf Goethe, Schopenhauer und andere Philosophen gestürzt hat... Vielleicht um den Kampf zu vergessen. Erstaunlicherweise ließt man aber zwischen den Zeilen, die ja eigentlich vordergründig garnicht so viel vom Krieg erzählen, trotzdem eine Art Spätkriegsdepression heraus. Mich haben die Zeilen auf jeden Fall tief getroffen, weswegen ich mich entschlossen habe, sie hier zu veröffentlichen.

 

Bild: Mein Großvater Wolfgang um 1943

 

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22 Juni 1944 / Tschenstochau

 

Werner Sondermanne hat durch Petzer erfahren, dass ich hier bin. Daraufhin ist er dreimal hier gewesen, ohne mich zu treffen. Gegen 9 Uhr bin ich schließlich zu ihm gegangen. Die gegenseitige Freude war riesengroß. Er lud mich sogleich zu einer Flasche Likör ein. Nach einiger Zeit gesellte sich schließlich ein Dritter hinzu. Es war ein wunderlicher Mann. Gleich zu Anfang sagte er, dass er sich wieder einmal was von der Seele geschrien habe und dass ihm nun leichter zu Mute sei. Werner hatte mich gleich als den vorgestellt, der sein Bild gemalt habe [Anmk.: Mein Großvater war angehender Künstler]. Er nannte ihn Hans und sprach von ihm als den mit den verschiedenen Ichs. Jener meinte aber, dass er immer der selbe sei, nur mit verschiedenen Gesichtern. Diese verschiedenen Gesichtern lernte ich sehr schnell kennen. Zugleich lernte ich aber eine Eigenschaft kennen, die mir bisher entgangen war. Schon von früher her kannte ich seine Fähigkeit, mit beinahe magischer Kraft Menschen zu beeinflussen. Das war ihm nun zur Leidenschaft geworden. Es glänzten seine Augen, wenn er von seinen Experimenten sprach. Daher hatte er die verschiedensten Ziele und Methoden. Ich merkte auch, dass er unseren Dichter ganz unter seiner Gewalt hatte. Bei ihm hatte er es sich anscheinend zu Aufgabe gemacht, ihm zum Schaffen anzuregen. Wenn Hans irgendetwas [pultiges?] aussprach, sagte Werner: „Das Stimmt nicht!“, worauf sich jener sogleich ereiferte, das Gegenteil zu demonstrieren. Auf diese Weise sind die herrlichsten Sätze entstanden. Einmal sagte Werner: „Oh Phantasie! Was ist schon Phantasie?“ Und Hans sagte: „Mit Schopenhauer behaupte ich, dass die greise Wirklichkeit nichts anderes ist als Vorstellung. Da die Phantasie auch Wirklichkeit ist, sind Phantasie und Wirklichkeit miteinander gleich zusetzen. Ich aber setze die Phantasie höher denn sie entspringt dem Inneren, ist also von Zeit und Raum unabhängig, immer gegenwärtig. Der wahre Reichtum ist überhaupt im Inneren des Menschen begründet.“

 

In vorgerückter Stunde hatte meinen Kameraden, der indessen auch gekommen war, infolge des Sektzuspruchs eine starke Müdigkeit überfallen und wollte nach Hause. Werner bat um Verlängerung. Er fragte mich: „Was steht höher, der Körper oder der Geist?“ „Der Geist.“ sagte ich. „Siehst du, Wolfgang, deswegen werden wir auch nicht so recht betrunken!“

 

„Ich habe keine Angst vor dem Tode.“ sagte er später „Aber ich weiß, dass meine Frau meinen Tod furchtbar empfinden wird, weil wir so eine ideale Ehe geführt haben. Denn eins weiß ich gewiss, dass ich aus diesen Unternehmen nicht zurückkehren werde.“ Der letzte Satz hat mich furchtbar erschüttert. Hatte ich doch schon einmal erfahren, das ein Kamerad in einem leicht alkoholisierten Zustand nur zu wahr gesprochen hatte. Ich erinnere mich an meine letzte Tage in Petrikan. Noch wusste ich nicht, wie lange ich dort bleiben würde. Mit Walter Grau spielte ich damals täglich Schach. Wir waren gleichwertige Gegner. In der Silvesternacht war Walter leicht angetrunken. Er machte einige grobe Fehler und verlor das Spiel. „Du bist ja betrunken!“ scherzte ich „ Da kannst Du nicht spielen.“ „Du!“ sagte er erregt „Wenn du das denkst, so werde ich mit Dir überhaupt nicht mehr spielen!“ Ich lachte und wollte abwarten, bis er wieder nüchtern wäre. Aber wenige Tage später kamen wir auseinander. Wir haben uns seitdem nicht wiedergesehen. An diese Affäre entsann ich mich und konnte Werner nichts erwidern da ich von seiner fast seherischen Erkenntniskraft wusste. Ich weiß nicht, wie es später war, als wir uns trennten.

 

 


=> siehe auch Artikel "Wie mein Großvater das 20. Jht. überlebte"