-> siehe auch der Artikel: "Wie Theodor seine Frau fand - eine Liebesgeschichte"

 

Die Aussteuer einer Pfarrersfrau

 

Vor einigen Wochen habe ich in unserem "Familienarchiv" eine tolle Entdeckung gemacht - eine Auflistung der gesamten Aussteuer meiner Urururoma Ida Schellenberg geb. Engler, welche von ihrer Mutter zu ihrer Hochzeit im Jahre 1853 angefertigt wurde. Ich habe mal kurz reingeschaut,  und mich dabei über die "süßen" badischen Dialekt (Schnäpfle, Gmüßteller, Schüssele) und die seltsame Rechtschreibung (Mäßing statt Messing) amüsiert. Aber mein Interesse war noch nicht besonders geweckt, weil die ersten Seiten eigentlich nur Unmengen an verschiedenen Tucharten auflisteten.

Insgesamt stellte ich mir eine normale Aussteher in etwa so vor: Eine junge Frau hat eine "Aussteuertruhe" oder einen Schrank, wo sie einen Haufen Wäsche hortet, welche sie zuvor noch sorgfältig mit ihren Initialien bestickt hat... Vielleicht bekommt sie zu der geschlossenen Ehe noch ein Bett und ein wenig Geschirr hinzu.  Immerhin war der Vater von meiner Urururoma nur ein kleiner Landpfarrer gewesen, und die Mutter stammte aus einer Buchbinderfamilie. Da konnte ich mir nicht so eine sagenhafte Aussteuer vorstellen. 

 

Ida Schellenberg geb. Engler

 

Ich habe mich dann irgendwann doch noch einmal hingesetzt um mir das kleine Heft ein wenig genauer angeschaut. Und da dämmerte mir langsam, das meine Theorie von der Aussteuertruhe nicht sonderlich überzeugend war. Denn in so eine Truhe passen unmöglich 65 Servietten, 17 Tischtücher, 60 Handtücher, 15 Bett-, und Kissenbezüge, 50 Hemden und 30 paar Strümpfe hinein... Wozu braucht eine Pfarrersfrau eigentlich 50 Hemden? Ich dachte meine Urururoma will heiraten und nicht eine ganze Armee ausstaffieren! Und das war erst der Anfang, denn dazu kam noch das komplette Mobiliar für das Schlafzimmer, für die Küche plus Küchengerätschaften und Unmengen an Kleidern und sonstigen Klamotten. Besonders bemerkenswert: Meine Urururoma hatte 1850 schon so eine Art Gummistiefel: "ein paar Galoschen, Gummj". Ein Klavier, ein Sonnenschirm und eine Gießkanne durften auch nicht fehlen.

 

Der Gesamtwert der Aussteuer betrug dann "1360f36". Aha. Sehr vielsagend. Ich habe dann ein wenig gegoogelt, herausgefunden das "f" die Einheit für "Gulden" ist und das umgerechnet 1 Gulden etwa 18 Euro ist. Also müsste der Gesamtwert sein... WAS? 25 000 Euro? Das muss damals ein Vermögen gewesen sein! Das ist schon deftig für eine angeblich arme Landpfarrerstochter. Oder etwa nicht? Ich meine, meine Urururoma hatte schließlich noch eine Schwester, musste die nicht auch noch versorgt werden?

 

Die Tochter meiner Urururoma schreibt zu der Aussteuer der Mutter: "Große Freude hat meiner Mutter stets ihre gediegene Aussteuer gemacht. Möbel und Betten stammten von guten Freiburger Firmen, deren Namen sie mir oft mit Stolz nannte. Die einfachen Möbel waren braun poliert und von Nussbaumholz. Sie wurden unendlich viel gerieben und sind noch heute ohne Tadel. Die Wäsche war von bestem Leinen, sehr gut genäht, größtenteils von der Braut selbst und vollständig ohne irgend eine Verzierung. Hoch angerechnet hat es meine Mutter der Großmutter, dass von dieser die Aussteuer bestritten wurde und nicht (!) aus dem erhaltenen väterlichen Vermögen.

 

Irgendwie scheint die Familie von meiner Urururoma doch nicht sooo arm gewesen zu sein... Auf jeden Fall ist es spannend, was damals eine junge Braut schon alles besitzen konnte. Und was es damals alles für Gerätschaften gab! Ehrlich gesagt kenne ich die Hälfte davon heute garnichtmehr...

 

 

 

Aussteuer von Ida Schellenberg geb. Engler für die Hochzeit im Jahre 1852: 

 

KÜCHE:

65 Servietten , 17 Tischtücher, 6 damastene und 30 gebildete Handtücher, 24 Küchenhandtücher, 9 weiße, und 12 blaue Küchenschürtzen

 

KÜCHENGERÄTE:

1 Salathobel, 1 Mahlholz, 1 „Schneidbret“, 7 Kochlöffel, 1 „Tischblatchen“, 1 Blasebalg, 1 Kuchenform von Kupfer, 1 „Tortenpfann“ mit Deckel von Kupfer, 1 „Waag“ von Kupfer samt Gewichte, 1 Mörser von „Meßing“, 1 „Meßing Pfanne mit Füß“ und 1 „ohne Füß“, 1 Lichtschere mit Federn, 1 eisene Bratpfanne, 1 „Maßerschapfe“ von Blech, 10 ausgeschnitte Förmchen, 2 „Raubblech“, 1 Büchse von Blech, 11 „Ausstech Mödel“, 6 runde Förmchen zum einfüllen, 1 Salatschüssel von Blech, 1 Gewürzschachtel von Blech, 3 „Aufzugblech“, eines davon grob, 1 Reibeisen, 1 „Croquanform“ (=Krokantform), 1 Trichter, 3 Blechlöffel, 1 Hackmesser, 1 Wiegelmesser, 1 Küchenmesser, 1 Fleischgabel, 1 Bügeleisen mit Rost samt 2 mit Stahl, 1 Eisener Lichtstock, 1 „wetz Stahl“, 1 Rost , 1 „Schäufele“, 1 „Fischschäufele“, 2 „Mäßing (=Messing) Schäpfle“, Kaminzeug, 1 Eiserner Saumlöffel

1 Harnisch, 1 Spicknadel, 1 „Küche Ampel“, 4 Besteck, 1 Vorleglöffel von Zinn, 3 Kaffelöffel,6 gute Trinkgläser, 6 „Liguergläser“, 1 Schoppen, 1 Geleeschüssel mit Deckel, 2 Salzbüchsen, 1 Käseglocke, 1 Gläserbürste, 1 Porzellan Suppenschüssel, Platten, Suppen-, und „Gemüß“teller, 3 Kaffekännchen, 12 Kaffetassen, 6 „Kafeeschüssele“, 1 Kaffebüchse, 1 Kaffemühle, 1 Kaffeblech

1 Tortenblatte, 2 Lavoir (wahrscheinlich ein Waschtisch), 2 „Nachtgeschirr“, 3 Seifenteller, 1 Salz-, Mehlfaß, 1 Dörbret (= Dörrbrett?), 6 gedrechselte „Egerbecher“, 1 Besteckkörbchen, 1 Küchenbrett in Ölfarbe, 1 rundes Wachstuch, 1 Waschseil, 1 Aschentuch

 

SCHLAFZIMMER:

8 gewöhnliche Pfulben (= große Kopfkissen), 6 mit Gimpen (=Stickereien) und 12 feinere

3 Pfulbenüberzüge

19 Kopfkissen, gewöhnliche, mit Gimpeln und aus Roßhaar

3 Kopfpolsterüberzüge

3 Kölsch Deckbett Überzug

6 Roßhaar-, und Federmatratzen

1 Cuverten und Plimo (südd. Bezeichnung für Plumeau = Bettdecke)

(Unmengen an:) Wolle, Roßhaar und Futter für Kissen und Matratzen

1 Zinnene Bettflasche

3 Bettstatten(?) mit gedrehten Füß

3 Nachttischchen

 

KLEIDUNG:

6 Hemden von Schlesischer Leinwand, 18 Hemden von Reisterleinen

6 Herrenhemnden Bielefelder Leinen

18 getragene Hemden

4 weiße Nachtjacken

2 Corsette (weiß und gelb)

Unterhosen

30 paar Stumpf

2 Unterröcke von feinen Multon (= Molton, beidseitig gerauter Baumwollstoff)

1 Unterrock mit Wolle wattiert

3 Schürzen (schwarzseiden und aus Baumwolle)

1 schwarzeidener und 1 blauer Mantel

1 Paletot, schwarz

1 Muff, grau

1 Schwarzatlas Kleid

1 Schwarz Orleans Kleid

1 Einfarbig Lama Kleid

1 Kariert Lama Kleid

1 Lila Pers Kleid

1 Roth Pers Kleid

1 Blau Jacount Kleid

1 weiß Kleid

1 Glantz Kleid

1 Rosa Jacount Kleid

6 Gürtel

12 seidene Halstücher

1 Strohhut

2 Hüte, blau und weiß

2 „paar Zeugstieffelchen“

1 „Paar Zeugschuh“

2 Paar Lederschuhe

nebst verschiedenen Schuh

Filzpantoffeln

 

GARDEROBE:

1 Regenschirm, blau, 1 Sonnenschirm, blau, 1 Bingschirmchen, 1 „paar Galoschen, Gummj“ (!), 1 Kleiderrächen, 2 „Bürstchen“ und 1 „Bürst“, 1 Schuhbürste, 1 Glanzbürste, 1 Kehrbesen, 1 „Kehrwisch“

 

FÜR DIE MAGD:

5 Leinentücher

6 Handtücher

Deckbett und Unterbett

Strohsack samt Kissen

 

MOBILIAR:

1 Fußschemel, 12 „Strohseckel“, 1 Komode , 1 Sekretär, 2 Waschtische mit „Stängchen und Schrauben“, 3 Tische, 1 rund-maserierter, ein Küchentisch und ein normaler), 3 „Kästle“, einer mit „Ölfarb“, der andere grün, 1 Mehlkasten, 1 „Spuckkästchen“?, 2 Mulde, 1 Britzkübel, 1 „Seter mit Eisenbeschlagen“, 1 Blumengestell, grün angestrichen, 2 Laternen, 5 Vorhangstangen, 1 „Kanapegestell“ mit Verzierung, 1 Komode mit 4 Schubladen, 1 Pfeilerkomode mit 2 Türen und Schubladen, 1 Schreibsekretär, poliert, 1 polierte Komode, 1 „Clavier“

 

SONSTIGES:

7 Sacktücher, feine, flachsene, aus batist, 40 Leinentücher von verschiedener Art, Bindfaden, Nägel

grobe Leinwand, 10 Ellen Wollendamast und Kordeln dazu, Packleinen, 2 Koffer (einer schwarz und groß), 1 grüne Gießkanne, 2 Vasen von Kristall, Bindfaden, Nägel, 1 Krupfer(*²), 4 „Steinerne Häfele“

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(*²)Krupfer (evnt von elsäss. Krupfer [Krùpfər Horbg.] m. an einer Stange befestigte Mistgabel mit krummen Zinken, dient dazu den Samen unter den Boden zu bringen und ausgebrochene Eisschollen an das Ufer zu ziehen. Vgl. Krapfen)

 

 

Auszug aus einem kleinen Heftchen mit der Aussteuer von Ida