1849

Ein Hoch auf das Vaterland! Wie man ein Staatsverräter wird...

 

Was für ein Tag! Die Sonne schien, die Aussicht war umwerfend... Mein Urururgroßvater Oskar Schellenberg machte es sich 1884 mit seiner Frau und seinen Kindern an dem vor wenigen Wochen eingeweihten Niederwalddenkmal gemütlich. Staunend betrachteten sie die riesenhafte Figur, wie sie in der Sonne strahlte! Doch dann wurde ihre Aufmerksamkeit auf den Vater umgelenkt. Dieser holte eine eigens für diesen Zweck erstandene Champagner-Flasche aus der Tasche, denn der Bismarck-, und Kaiserverehrer wollte an diesem Wahrzeichen auf das geeinte und siegreiche Deutschland anstoßen! Manche, die Oskar von früher her kannten, hätten wahrscheinlich ungläubig den Kopf geschüttelt. War er doch in seiner Jugend ein begeisterter Revolutionär gewesen! Wie sich die Zeiten geändert haben... 

 

 

Oskar Schellenberg (1824-1895) und seine Ehefrau Margaretha "Gritli" geb. Rumpf (1838-1910)

 

 

Eine Kanonenkugel im Bett

Damals war Oskar noch ein junger Mann gewesen. Der 25-jährige Student reiste viel in der Welt herum und begab sich 1848 nach Freiburg, wo er studieren wollte. Doch daran war in diesen Zeiten nicht zu denken. Freiburg wurde erstürmt, und in den Straßen wurde gekämpft. Auch sein von Freischaren besetztes Haus wurde heftig beschossen, an einem Tag flog ihm eine Kanonenkugel ins Bett. Die hat er dann als Andenken behalten. Tapfer kämpfte er in der Freiburger Bürgerwehr, aber trotzdem (oder deswegen) wurde es ihm bald zu heiß unter den Füßen. Er floh nach Bern zu seiner Familie, aber der Spaß hatte noch garnicht richtig begonnen!

 

 

"Erstürmung der Barrikaden am Breisacher Tor" in Freiburg, 1848.

 

Es kam das unruhige Jahr 1849, in dem die Revolution ausbrach. Natürlich musste Oskar genau dann zu einem Examen nach Freiburg reisen, als dort gerade die Hölle los war. Vorher wollte er noch seinen Vetter Otto Wolf in Lahr besuchen, und wurde prompt von ihm in das „Banner Lahr“ eingereiht. Zusammen mit den anderen "Blusenmännern" (typische Uniform: Bluse und Hut) zog er gegen die verhassten Preußen. Seine Erlebnisse bei diesem „glorreichen“ Kampf schreibt er später persönlich nieder:

 

Die "große Schlacht"!

„Nach einigem Aufenthalt in Karlsruhe ging der Marsch landabwärts, nach Bruchsal den Preußen entgegen. Bei einer plötzlichen Alamisierung schossen die Tapferen unsererseits aus purer Angst gegen eine Reihe Bäume, die sie für die gefürchteten Preußen hielten. Das war unsere erste Waffentat. Nun konzentrierten wir uns rückwärts über Karlsruhe, wo ich einmal eine Wache kommandierte und einen Bauernwagen requidierte, nach Baden-Baden. Hier blieben wir einige Tage, bis eines morgens das ganze Bataillon den Rückweg antreten wollte, doch sie wurden zurückgebracht. Ich war bei einen alten Küfermeister einquartiert. Der trat eines Nachts thränenden Auges an mein Lager und meldete: Generalmarsch! Jetzt ging es wieder vorwärts Richtung Kuppenheim, wo wir einige Stunden hielten und abkochen wollten, da auf einmal donnerte die ersten Schüsse. Und nun: ins Feuer! Gleich anfangs fiel, durch den Schenkel geschossen, mein Vetter Wolf. Wir wateten durch die Murg, die Grananten brausten über unsere Köpfe, die Gewehrkugeln pfiffen, eine zerschlug mein Gewehr, ohne dessen Schutz ich mein Ende gefunden hätte. Ich weiß nicht, ob wir gesiegt?"

 

 

Das Banner Lahr Das Lahrer Banner: Freiheit, Bildung, Wohlstand

 

 

Eine gute Frage. Ein Artikel über die Schlacht bringt deren Verlauf auf den Punkt: „Am 21. Juni 1849 kam es schließlich zur Entscheidungsschlacht zwischen preußischen und badischen Truppen. Anfangs sah es noch nach einem Sieg für die Badener aus, doch während des Kampfes brach eine Massenpanik und allgemeine Fluchtbewegung in den Reihen der Badener aus, so dass diese wichtige Schlacht am Ende doch noch verloren wurde.“ 

 

Auf der Flucht als Staatsverräter

Auch Oskar floh. Er floh von der Schlacht. Er floh aus Karlsruhe. Er floh sogar aus Deutschland! Er ließ sich in Bern nieder um „dort auf Lorbeeren ruhend“ erst einmal durchzuatmen. Achja! Da war ja noch das Examen in Karlsuhe! Also machte er sich wieder in seine Heimat auf, nur um zu bemerken, dass dies keine gute Idee war. Dort wollte nämlich die Polizei wegen seinen diversen "hochverrätherischen Unternehmungen" seine Bekanntschaft machen. Also bemühte sich Oskar schläunigst wieder dahin zu kommen, wo er hergekommen war, schließlich wurde er sogar per Steckbrieg gesucht!

 

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Das Leben in der "Verbannung", und die mehr oder weniger ehrenhafte Rückkehr.

In Wabern bei Bern ließ er sich also als Lehrer in einer Erziehungsanstalt nieder und unterrichtete dort speziell Hans und Robert, die beiden Zöglinge von Robert Blum, dem bekanntlich die Revolution das Leben gekostet hatte. Als Dank für seine Arbeit schenkte ihm Eugenie Blum, die Witwe Roberts, einen Ring, welcher sich noch lange in der Familie befand. Mit seinen Zöglingen verbrachte er eine schöne Zeit in der Schweiz, er wanderte viel und genoss das freie Leben.

 

 

Robert Blum im Kreise seiner Familie, links und rechts stehen Hans und Robert.

 

Nach einigen Jahren jedoch sehnte er sich wieder nach seiner Heimat, und nach einigem hin und her mit den Behörden hatte er diesen eingeredet, er sein damals zum Eintritt ins Heer gezwungen worden! So durfte er wieder aus der Verbannung zurückkehren. Nur die Kirchenbehörde nahm ihn die Geschichte mit dem gezwungenen Heereseintritt nicht ganz ab und wollte, dass er sich durch gute Führung „rehabilitierte“. Dies scheint er auch ganz gut getan zu haben, denn schlussendlich wurde er sogar Stadtpfarrer von Heidelberg. Trotz allem ließ ihn die Schweiz nie ganz los, und wahrscheinlich ist dies auch der Grund, dass ich heute Schweizer Vorfahren habe. Denn Oskar Schellenberg heiratete 1859 das „liebliche Röslein“ Gritli Rumpf aus Basel... Und sie lebten glücklich und zufrieden bis in das Jahr 1884.

 

Der Champagner für das Vaterland

„Ein hoch auf das siegreiche Vaterland!“ Der alte Oskar öffnet den Champagner, alle freuen sich schon auf den außergewöhnlichen Genuss. Mit einem „Peng!“ fliegt der Korken weg, der gesamte Champagner schießt in die Luft und regnet auf die Versammelten nieder. Doch diese lachen nur und waren zufrieden, denn „das Vaterland hatte auch so seinen Tribut!“, schreibt meine Ururoma später. 

 

 

Das Niedernwalddenkmal heute.