"Der Staat bin ich!" Die Hugenottenverfolgung unter Ludwig XIV 

 

„Der Staat bin ich!“ Zwar hat dies der absolutistische Herrscher Ludwig der XIV nie gesagt, aber es passt trotzdem. Alle mussten dem König gehorchen, seine Modevorstellung beeinflusste die Gebildeten, und sein Lebensstil wurde vom ganzen europäischen Adel nachgeahmt. Widerspruch konnte der „Sonnenkönig“ nicht ertragen, alles musste gehorchen und nach seinen Wünschen harmonieren. Deswegen passten ihm die Hugenotten auch nicht so richtig. Frankreich sollte vollkommen Katholisch sein, Andersgläubige störten nur. Ludwig XIV beschloss also, dass die Hugenotten weg mussten, und zwar so schnell wie möglich. So kam es, dass zuerst die hugenottischen Schulen und Kirchen geschlossen wurden, und man dann anfing, die neugläubigen Untertanen aus dem Land zu vertreiben. Dieses Schicksal mussten auch meine Vorfahren erleiden.

 

 

Ludwig XIV

 

 

Mein Urururururururgroßvater Philipp Reinhard Schlosser lebte zu der Zeit in dem französischen Elsass-Lothringen und betreute dort, gut bezahlt, eine evangelische Gemeinde. Vor kurzem war er Vater geworden, und seine Ehefrau Anna Margaretha geb. Fuchshuber war wieder schwanger. Eigentlich hätte es ihnen gut gehen können, denn die Pfarrersleute waren angesehene Personen in dem Ort. Aber seit mehren Monaten wurden sie von einem streitlustigen Priester bedrängt, doch endlich ihrem Glauben abzuschwören. Dieser Priester war ihnen um das Jahr 1685 vom König zugeordnet worden. Zwar waren sie keine Hugenotten, doch interessierten diese theologischen Feinheiten den König nicht die Bohne. Und so kam es schließlich, dass an einem Herbsttag Philipp Reinhard Schlosser gefangen genommen und zusammen mit elf anderen Pfarrern in einem dunklen Turm in Metz bei Wasser und Brot eingesperrt wurde. Hier sollten sie nochmals in Ruhe über ihre Bekehrung nachdenken. Aber heldenhaft weigerten sie sich, katholisch zu werden. Lediglich einer, so schreibt später der Enkel von Philipp Reinhard, habe nicht standgehalten, aber dieser habe dann trotzdem noch ein trauriges Ende genommen. Als die zehn Übrigen sich nach vier Monaten immer noch dem Katholizismus verweigerten, wurden sie freigelassen mit der Anordnung, unverzüglich das Land zu verlassen und im Ausland auf ihre nachkommenden Familien zu warten. Philipp Reinhard erlaubten sie als einzigem noch einen Umweg über seinen Heimatort zu nehmen, da seine Frau hochschwanger war. Doch durfte er sich dort noch nicht einmal 24 Stunden aufhalten, am Morgen sollte er weg sein.

 

Das gab ein Chaos! Bei Nacht und Nebel mussten sie alles Hab und Gut auf einen Leiterwagen packen, den ihnen die treue Gemeinde samt Pferd überlassen hatte. Zum Schluss wurde die die Hochschwangere vorsichtig über die Schwelle getragen, wobei ihr die neue Hausbesitzerin noch einen Fußtritt verpasste. So machte sich die Familie im kalten Winter bei Schnee und Eis auf den Weg ins Ungewisse. Sie waren nicht weit gekommen, als die Wehen von Anna Margaretha einsetzten und sie auf dem Wagen einen Sohn gebar, den sie am nächsten Tag von einem katholischen Priester taufen lassen mussten. Denn die Flüchtlingsfamilien wurden den ganzen Weg überwacht, damit sie auch ja nicht in den Untergrund verschwanden.

 

Fluchtwagen aus der Schweiz<br />Zeichnung 18. Jhd.

"Fluchtwagen" Zeichnung aus dem 18 Jahrhundert

 

So erreichten sie nach vielen anstrengenden Tagen die Grenze. Sie suchten sich eine neue Bleibe in Großherzogtum Hessen und wurden auch von dem Fürsten gerne aufgenommen. Trotzdem waren die ersten Jahre unglaublich entbehrungsreich. Sie lebten in einem verfallenen Schloss, in dem ihnen die Ratten und anderes Ungeziefer das Wenige wegfraßen, was ihnen zum Leben übrig geblieben war. Ihr Sohn, welcher auf der Flucht geboren wurde, starb als Kleinkind, und wahrscheinlich überlebte auch ihr ältestes Kind diese entbehrungsreiche Zeit nicht. Ihre Lage verbesserte sich erst, als sie von dem Fürsten die Gemeine Grävenwiesbach als neues Aufgabenfeld zugeordnet bekamen. Endlich hatten sie ihre neue Heimat gefunden. Um die 25 Jahre wirkte Philipp Reinhard Schlosser hier als Pfarrer, bis er hochbetagt 1725 starb. Fünf Jahre später folgte ihm seine Ehefrau, welche noch ihre Enkel erlebt hatte. Bis heute soll sich eine Gedenktafel für die beiden in der dortigen Pfarrkirche befinden. 

____

Quelle: "Jacob Ludwig Schellenberg - Autobiografie eines Nassauischen Pfarrers (...)" ( -> siehe Bibliothek)