Der einfache Brief eines getreuen Ehemannes

Ein einfacher und ergreifender Brief meines Vorfahren, der einen einzigartigen Blick in die Zeit des 18Jht. bietet. Den Text habe ich aus der Familienchronik wortwörtlich kopiert.

 

Sein Sohn Philipp Ludwig Dietz war damals gerade 2 Jahre alt. 

 

 

Zu den Personen siehe auch: Ahnentafel Dietz

 

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Um in Karlsruhe einen Arzt zu konsultieren, begab sich der Pfarrer Johann Erhard Wilhelm Diez im Oktober 1774 zu Fuß von seiner Pfarrei Eutingen (bei Pforzheim) etwa. 30 km Weg, nach Karlsruhe.

 


Brief des Johann Erhann Wilhelm Diez an seine Frau* in Eutingen

 


(Karlsruhe) Den 8. Okt. 1774 morgens
um 9 Uhr


Liebe Frau!
Hiermit mache ich den Anfang, Dir zu zeigen wie fleißig ich in meiner Abwesenheit
von Haus an dich denken werde.


Der Herr hat zu meiner Hierherreise Gnade gegeben. Es ist besser gegangen als
ich mir vorgestellt. Eine Stunde vor Wilferdingen war ich freilich schon ziemlich
müde u. durstig. Ich trank daher daselbst im Rößle einen Schoppen Mandelmilch
u. aß meine Apfelkrapfen dazu, welches mich recht wohl erquickt. Nach einer hal-

ben Stunde setzte ich nebst meinem Begleiter den Stab weiter fort u. zwar un-

geruhet bis auf Berghausen. Hier fehlte es mir aber dieses Mal, insofern, daß ich 

keinen Menschen zu Haus antraf. Doch sorgte Herr Schulmeister davor, daß ich 1
Trauben, 6 Zwetschgen u. 2 Pfirsich aus dem Pfarrgarten bekam, welche ich auf
einem Stück Holz vor dem Pfarrhaus mit gutem Appetit verzehrte, und mir auch
eine halbe Stunde Zeit dazu nahm.

 

 

Mittlerweile erfuhren wir, daß der Herr Pfarrer
bei der erst gestern gewesenen Leiche des Herrn Oeconomie Raths zu Gottsau wä-

re; und siehe, diese guten betrübten Leute begegneten uns auch auf ihrem Retour
des Abends auf dem Wege zwischen Durlach u. Karlsruhe. Der Herr Pfarrer hat

versprochen, mich hier zu besuchen. Sein verstorbener Herr Bruder soll 49 Jahr alt
worden sein. Des Abends nach halb 6 Uhr kam ich dann hier in Herrn Kirchenraths
(wohl Mauritii) Haus glücklich an, aber wie ich freilich nicht leugnen kann, fast
ganz von Kräften erschöpfet. Doch stärkte mich das gleich wieder, daß ich von der
Frau Bas Kirchenrätin, als welche allein zu Haus war, aufs höflichste u. liebreichste
aufgenommen worden. Der Bruder Fritz (Diez), dem der Herr Schulmeister meine
Ankunft gleich auf dem Wege notificirt hat, stellte sich augenblicklich bei mir ein u.
bewillkommte mich. Den August Diez (sein anderer Bruder), habe ich noch nicht
gesehen. Dein Herr Bruder Prorector hat vorgestern Karlsruhe verlassen u. seine
Wohnung in Durlach bezogen. Hätte Ichs gewußt, so hätte ich bei ihm angekehrt.
Er hat schon etwas weniges von meubles gekauft, u. auch etwas von der Frau Kir-
chenrätin gelehnt bekommen. Mehreres weiß ich derzeit nicht von ihm, weil ich
seinetweg noch nicht mit Herrn Kirchenraths gesprochen habe. Im Anfang dieser
Woche war Hr. K.rat mit seinem Sohn wieder auf einen Besuch zu Kehl, u. mit
dem Anfang der künftigen wollten sie eine Tour auf Dürrn bei Eutingen machen,
welches nun aber teils wegen meiner, teils wegen etlicher sterbender Beichtkinder
unterbleibt. Soeben schickte ich zu Herrn Hofrat Buch, um mich zu erkundigen,
wann ich ihn sprechen könnte; erhielt aber zur Antwort, daß er bereits ausgegan-
gen wär. Ich werde ihn also erst des Nachmittags zu sprechen bekommen: und
alsdann werde ich dir etwa weiter Nachricht geben.

 

 

Nun, wie lebst dann Du mit
deiner Luise? Ich wünsche, sobald möglich zu hören, daß Dein rothlauf gänzlich
vorbei sei, daß das Rübenausmessen gut von Statten gegangen, daß sich der Carl,
Franz u. Philipp wohl aufführen u. daß überhaupt alles im Haus wohl stehe. Beten
denn auch die Kinder vor ihren abwesenden Papa? Wird des Abends alles or-
dentlich aufgeschrieben? Was ist am Freitag u. Samstag gutes geschafft worden u.
so dergleichen mehr. A propos! Du hast mir nur einen von denen breitgestreiften
gestrickten Strümpfen eingepackt: siehe nach, ob der andere daheim ist. Ich spü-
re heut nicht viel mehr von meiner gestrigen Müdigkeit, nachdem ich ziemlich ge-
schlafen doch auch unruhig wie zu Haus. Im Kopf ists heute wieder die alte Leier.
Gestern Abend wollte mich ein Frost ankommen, vermutlich weil ich den Mittag
nichts warmes zu mir genommen u. auf dem Wege ziemlich geschwitzt hatte. Ich
bat mir aber ein Feuer im Ofen aus, u. als ich meine Füße daran gewärmt u. da-
rauf zu Nacht aß, so, verlor sich das Frösteln wieder von selbst. In Söllingen,
Berghausen u. Durlach ist voller Herbst. Die Leute wollen nicht weniger als 100-
120 fl vors Fuder.

 

 

Soviel vor dieses Mal. Jetzt bin ich vom Schreiben müde, Ich
grüße Dich, Frau Mama u. all die Deinigen vor mich u. auch in des Hrn. K.rats
Namen. Lebet unter dem Schutz u. Gnade Gottes.

 

Ich bin
Dein getreuer Mann

J.E.W. Diez.