Bertha Hindenlang (1896-1919)

 

 

Bertha ist in unserer Familie bis heute durch ihre zarten und wunderschönen Scherenschnitte ein Begriff, noch zu Lebzeiten wurde sie als begnadete Künstlerin gefeiert. Sie starb bereits mit 23 Jahren an einer Grippe, ihr Bruder folgte ihr 18-jährig wenige Wochen später. Ich bewundere meine Ururgroßeltern, welche ihr hartes Schicksal, zwei ihrer drei Kinder zu verlieren, so gefasst getragen haben müssen. In einem Nachruf schreiben sie folgendes über das Leben ihrer Tocher: 

 

Vor einem Jahr saßen wir Eltern in Stuttgart am Bette unserer schwerkranken Tochter und betrachteten wieder einmal ihre vielen Scherenschnittbilder; es war ein Hochgenuß, sie selber über ihre Bilder reden zu hören. (…) Nun schlummert die junge Künstlerin schon fast ein Jahr auf dem Karlsruher Friefhof. (…)

 

Wenn ich das Bildlein, das dieses Blatt ziert, betrachte, so meine ich immer, mit dem „Sternreiterlein“ habe unser Kind sein Wesen und ahnend auch sein Schicksal darstellen wollen: ein wunderbarer Höhenflug zwischen beiden Gotteswelten der Natur und des Himmelreiches, und dann ein Herabgleiten, und das Seelchen hat Angst, von seinem Stern zu fallen.

 

Berta wurde am 7. Mai 1869 in Stockach geboren. Die Welt in der das Kind aufwuchst, ist ein Scharzwaldtal das von den dem gewaltigen Kandel überragt wird, in das die verfallenen Mauern der Hochburg hinunterschauen: das Sexauer Tal. Hier lernte das Kind, das wir nur mit einem Kranze aus Wald und Wiesenblumen auf dem Kopf denken können, schauen und staunen. - Im Herbst 1906 kam sie mit den Eltern nach Karlsruhe. Da sie großen Sinn für den Buchschmuck hattte, lernte sie das Buchbinderhandwerk. Der Krieg unterbrach ihre Ausbildung. (…) Im Herbst 1950 trat sie in die Stuttgarter Kunstgewerbeschule ein, dort wurde sie von Prof. Cissarz sehr gefördert. Nach dem inhaltsreichen Stuttgarter Jahr wurde sie Gastschülerin der Karlsruher Kunstgewerbeschule. Daneben bekam sie Unterricht im Radieren. Ihre Scherenschnitte wanderten in Ausstellungen und Kunstläden und wurden viel gekauft. Die Aufträge von Stuttgarter Verlegern, die ihre große Gabe für den Buchschmuck und Illustration erkannt hatten, wurden bald so viele, dass sie sich entschloss nach Stuttgart überzusiedeln, um dort als freie Künsterlin ihr Brot zu verdienen. Im Oktober 1918 reiste sie ab. Jubelnde Briefe voll Schaffenslust und Freude am Erfolg kamen nach Hause. Anfang November erkrankte sie an Grippe, die eine schwere Lungenentzündung zur Folge hatte. Am 19. Februar 1919 fuhr sie, eine Sterbende, im Krankenauto nach Hause. Am 4. März endete ihr schönes Leben.

 

Über ihre Persönlichkeit möchte ich am liebsten ihre Freunde reden lassen; und sie hatte viele, die sie innig liebten. Ein Freund unserer Hauses beschreibt ihr Wesen also: „Sie war ein begnadetes Menschenkind. Über ihrem Wesen lag eine unbeschreibliche Anmut... Sie hat sich die Menschen und in die Dinge hineinlieben können mit einem tiefen Gefühl der Begeisterung. Wie eine lichte Waldblume erschien sie uns, die aus dem wamen und feuchten Waldgrund hold und lächelnd emporwächst. Sie war das Kind, das anmutige, das über seine Seele nicht einen einzigen Schatten fluten lassen konnte, sondern unwillkürlich in der reinen Sonne leben musste. Ihr Wesen hat etwas vollkommen Abgeklärtes gehabt.“ Das Größte hat von ihr wohl eine Frau gesagt mit den kurzen schlichten Worten: „Durch sie bin ich ein höherer Mensch geworden.“

 

 

Bild: Links steht Bertha Hindenlang, ganz rechts ihr Bruder Fritz. Meine Uroma Elisabeth (in der Mitte mit ihrer Mutter Berta).